Was haben ein mutiger Feuerwehrmann, eine geduldige Lehrerin und ein erfinderischer Programmierer gemeinsam? Auf den ersten Blick nichts. Die Psychologen Martin Seligman und Christopher Peterson würden widersprechen. Nach drei Jahren Forschung, an der Dutzende Wissenschaftler aus aller Welt beteiligt waren, identifizierten sie 24 Charakterstärken, die über Kulturen, Epochen und Berufe hinweg auftauchen. Ihre Klassifikation VIA (Values in Action), veröffentlicht im Jahr 2004, wurde zu einem der Grundpfeiler der positiven Psychologie.
Warum Stärken und nicht Schwächen?
Die traditionelle Psychologie hat sich den größten Teil ihrer Geschichte damit beschäftigt, was mit Menschen nicht stimmt. Depression, Angst, Persönlichkeitsstörungen. Seligman und Peterson stellten eine andere Frage: Was ist gut am Menschen? Was macht ein gutes Leben aus? Ihre Antwort war die VIA-Klassifikation.
Eine Studie von Park, Peterson und Seligman (2004) mit über 117.000 Befragten aus 54 Ländern förderte eine überraschende Tatsache zutage: Die Rangfolge der häufigsten Charakterstärken ähnelt sich über Kulturen hinweg erstaunlich stark. Freundlichkeit, Fairness, Ehrlichkeit und Dankbarkeit landeten unabhängig vom Kontinent durchweg weit oben.
Was sagt uns das? Charakterstärken sind keine kulturell konstruierten Erfindungen. Sie sind zutiefst menschliche Eigenschaften, die wir alle teilen, nur in unterschiedlichen Anteilen und in unterschiedlicher Reihenfolge.
6 Tugenden und 24 Stärken
Seligman und Peterson ordneten die 24 Stärken sechs übergeordneten Tugenden zu. Jede Tugend steht für einen Bereich des menschlichen Charakters und umfasst drei bis fünf konkrete Stärken.
| Tugend | Stärke | Kurzbeschreibung |
|---|---|---|
| Weisheit und Wissen | Kreativität | Originelles Denken, neue Wege zur Lösung von Problemen finden |
| Neugier | Interesse an der Welt, Lust zu erkunden und Neues zu lernen | |
| Urteilsvermögen | Kritisches Denken, Dinge von allen Seiten abwägen | |
| Freude am Lernen | Vergnügen daran, neue Fähigkeiten und Kenntnisse zu erwerben | |
| Weitblick | Fähigkeit, das große Ganze zu sehen und klugen Rat zu geben | |
| Mut | Tapferkeit | Trotz Angst handeln, für das Richtige einstehen |
| Ausdauer | Zu Ende bringen, was man begonnen hat, Hindernisse überwinden | |
| Aufrichtigkeit | Authentizität, im Einklang mit den eigenen Werten handeln | |
| Tatendrang | Das Leben mit Energie und Begeisterung angehen | |
| Menschlichkeit | Liebe | Fähigkeit zu engen Beziehungen, zum Teilen und zur Fürsorge |
| Freundlichkeit | Großzügigkeit, Sorge um andere, Altruismus | |
| Soziale Intelligenz | Die eigenen Gefühle und Beweggründe verstehen und die anderer | |
| Gerechtigkeit | Teamfähigkeit | Zusammenarbeit, Loyalität zur Gruppe und zu gemeinsamen Zielen |
| Fairness | Alle gleich behandeln, Unparteilichkeit | |
| Führungsstärke | Gruppenaktivitäten organisieren, andere motivieren | |
| Mäßigung | Vergebung | Milde, die Fähigkeit, anderen eine zweite Chance zu geben |
| Bescheidenheit | Zurückhaltung, die eigenen Ergebnisse für sich sprechen lassen | |
| Umsicht | Sorgfältig entscheiden, unnötige Risiken vermeiden | |
| Selbstregulation | Disziplin, Kontrolle über Impulse und Gefühle | |
| Transzendenz | Sinn für das Schöne | Schönheit in Natur, Kunst und Alltag bemerken und schätzen |
| Dankbarkeit | Das Gute im Leben erkennen und würdigen | |
| Hoffnung | Optimismus, an einen guten Ausgang glauben und darauf hinarbeiten | |
| Humor | Verspieltheit, die Gabe, sich und andere zum Lachen zu bringen | |
| Spiritualität | Ein Gefühl von Sinn und Bestimmung, Verbundenheit mit etwas Größerem | |
Wie Charakterstärken in der Praxis wirken
Vielleicht denken Sie gerade: "Schöne Liste, aber was bringt sie mir konkret?" Sehen wir uns zwei Beispiele an.
Jonas arbeitet als Projektmanager in einem Technologieunternehmen. Seine fünf stärksten Merkmale sind Ausdauer, Urteilsvermögen, Fairness, Teamfähigkeit und Umsicht. Beachten Sie das Muster: Sein Profil passt ideal zur Leitung von Projekten. Er bringt Dinge zu Ende, entscheidet rational, behandelt Menschen gerecht und meidet unnötige Risiken. Als er das Angebot bekam, in eine kreative Rolle bei einer Werbeagentur zu wechseln, lehnte er ab. Nicht weil ihm Kreativität fehlt, sondern weil er verstand, dass seine Stärken ihn natürlicherweise in eine andere Richtung führen.
Sarah unterrichtet an einer Grundschule. Ihre Top 5: Freundlichkeit, Humor, Neugier, Tatendrang und Liebe. Diese Stärken erlauben ihr, eine Klassenatmosphäre zu schaffen, in der Kinder sich sicher fühlen und Lernen Freude macht. Als ihre Schulleiterin sie in die Verwaltung holen wollte, wusste Sarah nach einem Monat, dass das nichts für sie ist. Ihr fehlte der Kontakt zu den Kindern, der Raum für Humor und Spontaneität.
Signaturstärken
Jeder von uns besitzt alle 24 Charakterstärken. Manche sind jedoch ausgeprägter, natürlicher und authentischer. Man nennt sie Signaturstärken, und in der Regel haben Sie drei bis sieben davon.
Wie erkennen Sie sie? Seligman hat drei Kriterien formuliert:
- Gefühl von Echtheit: Wenn Sie die Stärke einsetzen, fühlen Sie sich wie "Sie selbst". Nicht, als würden Sie eine Rolle spielen.
- Energie statt Erschöpfung: Der Einsatz einer Signaturstärke lädt Sie eher auf, als dass er Sie leert. Nach einer Tätigkeit, in der Sie sie anwenden, geht es Ihnen besser, nicht schlechter.
- Natürliche Neigung: Sie müssen sich nicht zwingen. Die Stärke zeigt sich spontan in ganz verschiedenen Lebensbereichen.
Denken Sie kurz nach: Welche Tätigkeiten geben Ihnen Energie? Wann fühlen Sie sich am meisten wie Sie selbst? Mit hoher Wahrscheinlichkeit nutzen Sie in genau diesen Momenten Ihre Signaturstärken.
Was die Forschung über Stärken und Glück sagt
Studien zeigen durchgängig: Menschen, die ihre Signaturstärken kennen und regelmäßig einsetzen, berichten von höherer Lebenszufriedenheit. Eine Untersuchung von Seligman, Steen, Park und Peterson (2005) belegte, dass eine einfache Übung, bei der Teilnehmer eine Woche lang bewusst eine ihrer Top-Stärken auf neue Weise einsetzten, zu mehr Glücksempfinden und weniger depressiven Symptomen führte. Der Effekt hielt sechs Monate nach Ende der Studie an.
Das ist ein bemerkenswertes Ergebnis. Eine Woche bewusster Arbeit mit den eigenen Stärken kann Ihr Wohlbefinden ein halbes Jahr lang beeinflussen.
Stärken sind keine Talente
Eine wichtige Unterscheidung: Charakterstärken sind nicht dasselbe wie Talente oder Fertigkeiten. Ein Talent für Mathematik oder ein musikalisches Gehör sind angeborene Fähigkeiten. Fertigkeiten lassen sich durch Übung erlernen. Charakterstärken dagegen sind moralische Eigenschaften, die bestimmen, wer Sie sind.
Ein weiterer Unterschied: Talente können verblassen, sportliche Leistung nimmt mit dem Alter ab. Charakterstärken dagegen können ein Leben lang tiefer werden. Eine Siebzigjährige kann weiser, freundlicher und dankbarer sein als je zuvor.
Die häufigsten und die seltensten Stärken
Weltweite Daten des VIA Institute on Character zeigen ein interessantes Muster. Am häufigsten genannt werden folgende Stärken, sie tauchen also besonders oft in den Top 5 der Befragten auf:
- Freundlichkeit
- Fairness
- Aufrichtigkeit
- Urteilsvermögen
- Dankbarkeit
Am seltensten sind Umsicht, Selbstregulation und Bescheidenheit. Das heißt nicht, dass sie weniger wert wären. Im Gegenteil: Gerade ihre Seltenheit macht sie dort besonders kostbar, wo sie fehlen.
So finden Sie Ihre Stärken
Es gibt mehrere Wege. Sie können über Momente nachdenken, in denen Sie sich am wohlsten und echtesten gefühlt haben. Sie können Ihre engsten Vertrauten fragen, was sie an Ihnen am meisten schätzen. Oder Sie machen den Test der Charakterstärken, der Ihnen eine vollständige Rangliste aller 24 Stärken liefert, von der ausgeprägtesten bis zur schwächsten.
Welchen Weg Sie auch wählen, eines ist sicher: Die Kenntnis der eigenen Charakterstärken verändert, wie Sie an Ihre Arbeit, Ihre Beziehungen und Ihre alltäglichen Entscheidungen herangehen. Nicht weil Sie ein anderer Mensch werden. Sondern weil Sie endlich wissen, wer Sie längst sind.

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