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Stärken und Tugenden

Stärken nutzen im Alltag - im Job, in Beziehungen und für sich selbst

Stärken im Alltag nutzen statt nur kennen: Anwendungen im Job und in der Beziehung, eine tägliche Übung und drei Schritte für den Start.

2011 führten Forscherinnen und Forscher des Gallup-Instituts eine groß angelegte Untersuchung mit 65.000 Beschäftigten weltweit durch. Der Befund? Menschen, die täglich ihre Stärken einsetzen, sind sechsmal stärker bei der Arbeit engagiert und bewerten ihre Lebensqualität dreimal häufiger als ausgezeichnet. Sechsmal. Nicht sechs Prozent. Sechsmal.

Und trotzdem können die meisten Menschen nicht spontan eine einzige eigene Stärke benennen. Warum?

Blind für die eigenen Stärken

Psychologen nennen es Stärkenblindheit. Ein paradoxes Phänomen: Was Ihnen von Natur aus liegt, erscheint Ihnen so selbstverständlich, dass Sie es für nichts Besonderes halten.

Kommt Ihnen das bekannt vor? Eine Kollegin bewundert, wie geduldig Sie mit schwierigen Kunden umgehen. Sie zucken mit den Schultern: "Das ist doch normal, oder?" Für Sie ja. Für sie nicht. Ihre Geduld (oder Freundlichkeit, Ausdauer, Ihr Humor) ist eine echte Stärke, aber Sie sehen sie nicht, weil sie für Sie wie Luft ist. Natürlich und unsichtbar.

Robert Biswas-Diener, einer der führenden Forscher der positiven Psychologie, beschrieb dieses Phänomen in seinem Buch The Strength Switch (2017). Er stellte fest, dass Menschen ihre stärksten Qualitäten regelmäßig übersehen und sich stattdessen auf ihre Schwächen versteifen. Wir tun das von Kindheit an: Sie bringen ein Zeugnis mit einer Vier und vier Einsen nach Hause. Worauf schauen Ihre Eltern? Auf die Vier.

Warum es nicht reicht, seine Stärken zu kennen

Vielleicht haben Sie schon einmal einen Test der Charakterstärken gemacht. Sie haben das Ergebnis gelesen, genickt und sind zur Tagesordnung übergegangen. Das ist, als bekämen Sie eine Schatzkarte und ließen sie in der Schublade liegen.

Seligman, Steen, Park und Peterson (2005) führten ein Experiment durch, das genau das veranschaulicht. Die Teilnehmenden sollten eine Woche lang täglich eine ihrer fünf obersten Stärken auf neue Weise einsetzen. Nur eine Woche. Das Ergebnis: mehr Wohlbefinden und weniger depressive Symptome, und zwar noch sechs Monate später. Die Kontrollgruppe, die ihre Stärken nur ermittelte, ohne sie aktiv einzusetzen, zeigte diesen Effekt nicht.

Es genügt nicht zu wissen, wer Sie sind. Sie müssen es leben.

Stärken bei der Arbeit

Bei der Arbeit verbringen Sie ein Drittel Ihres Lebens. Wenn Sie dort Ihre Stärken nicht nutzen, ist das wie Autofahren mit angezogener Handbremse. Sie bewegen sich, aber mit enormer Reibung und unnötigem Verschleiß.

Kreativität

Sie müssen keine Designerin und keine Künstlerin sein. Kreativität lässt sich in jeder Rolle anwenden: einen neuen Ablauf vorschlagen, eine unkonventionelle Lösung finden, ein anderes Präsentationsformat ausprobieren. Fragen Sie sich: "Wie ginge das auch anders?"

Ausdauer

Melden Sie sich freiwillig für das Projekt, das alle anderen abgelehnt haben, weil es zu fordernd war. Ihre Fähigkeit, Widerstände zu überwinden, ist genau dort am wertvollsten, wo andere aufgeben. Aber Vorsicht: Ausdauer ohne Richtung ist bloß Sturheit.

Freundlichkeit

Bieten Sie an, eine neue Kollegin einzuarbeiten. Formulieren Sie Rückmeldungen ehrlich und zugleich ermutigend. Bemerken Sie, wenn jemand Hilfe braucht, und bieten Sie sie an, ohne eine Gegenleistung zu erwarten.

Urteilsvermögen

Seien Sie die Person, die in Besprechungen die kritischen Fragen stellt. Nicht um zu verkomplizieren, sondern um das Team vor voreiligen Entscheidungen zu bewahren. "Haben wir Variante B geprüft?" ist ein Satz, den wenige aussprechen und jedes Team hören muss.

Humor

Lockern Sie eine angespannte Stimmung. Nicht auf Kosten anderer, sondern so, dass Druck entweicht und die Leute daran erinnert werden, dass Zusammenarbeit auch Spaß machen darf. Ein Team, das zusammen lacht, hält besser zusammen als eines, das nur gemeinsam gestresst ist.

Stärken in Beziehungen

Beziehungen sind ein Feld, auf dem Stärken schon immer geglänzt haben. Wir haben nur nie so darüber gesprochen.

Nehmen Sie ein Paar, das seit zehn Jahren zusammen ist. Bei ihm ist Neugier eine Signaturstärke, bei ihr Freundlichkeit. Er hat gelernt, seine Neugier in echtes Interesse an ihrer Welt zu lenken: Er fragt nach ihrer Arbeit, ihren Gefühlen, den Details, die ein anderer Partner überspringen würde. Sie wiederum nutzt ihre Freundlichkeit, um einen sicheren Raum zu schaffen, in dem er verletzlich sein kann, ohne Zurückweisung zu fürchten.

Sie müssen nicht dieselben Stärken haben wie Ihr Partner. Sie müssen Ihre eigenen bewusst zugunsten der Beziehung einsetzen.

Praktische Tipps für Beziehungen

  • Finden Sie die fünf obersten Stärken des jeweils anderen heraus. Sprechen Sie darüber, wie sie sich in Ihrer Beziehung zeigen.
  • Wenn ein Konflikt entsteht, antworten Sie aus Ihrer Stärke heraus. Haben Sie Weitblick, nutzen Sie ihn. Haben Sie Humor, entschärfen Sie den Moment. Ist Ihnen Gerechtigkeit wichtig, suchen Sie einen Ausgleich.
  • Sprechen Sie die Stärken Ihres Partners laut aus. "Ich bewundere, wie geduldig du damit umgegangen bist" wirkt stärker als ein allgemeines "du bist toll".

Stärken für die persönliche Entwicklung

Die meisten Entwicklungsprogramme richten sich auf Schwächen. "Nicht diszipliniert genug? Hier ist ein Kurs über Disziplin." Die Forschung zeigt jedoch, dass es wirksamer ist, auf dem aufzubauen, worin Sie ohnehin gut sind.

Das heißt nicht, Schwächen zu ignorieren. Es heißt, die Reihenfolge der Prioritäten zu ändern. Statt "Was muss ich reparieren?" fragen Sie: "Was kann ich verstärken?"

Eine tägliche Übung

Wählen Sie eine Ihrer Signaturstärken. Setzen Sie sie jeden Tag bewusst auf neue Weise ein. Nur eine Stärke. Nur eine neue Anwendung. Nach einer Woche ziehen Sie Bilanz.

Beispiele:

  • Dankbarkeit: Montag schreiben Sie einer Person, der Sie zu danken vergessen haben. Dienstag beginnen Sie den Tag, indem Sie drei konkrete Dinge benennen, für die Sie dankbar sind. Mittwoch danken Sie dem Barista für etwas Bestimmtes.
  • Neugier: Lesen Sie einen Artikel aus einem Feld, von dem Sie nichts wissen. Fragen Sie einen Kollegen nach seiner Arbeit, als wollten Sie sie wirklich verstehen. Kochen Sie ein Rezept aus einer Küche, die Sie noch nie ausprobiert haben.
  • Mut: Sprechen Sie eine Meinung aus, die Sie bisher für sich behalten haben. Melden Sie sich zu Wort, wenn Sie Ungerechtigkeit sehen. Beginnen Sie ein Gespräch mit jemandem, vor dem Sie Respekt hatten.

Wenn eine Stärke aus dem Ruder läuft

Ein Aspekt bekommt wenig Aufmerksamkeit: die Übernutzung von Stärken. Jede Stärke hat ihren Schatten. Zu viel Ausdauer wird zu Sturheit. Übermäßige Vorsicht wird zu Unentschlossenheit. Grenzenlose Freundlichkeit wird zur Unfähigkeit, Nein zu sagen.

Grant und Schwartz (2011) zeigten in einer Arbeit in Perspectives on Psychological Science, dass der Zusammenhang zwischen Stärken und positiven Ergebnissen einem umgekehrten U folgt. Bis zu einem bestimmten Punkt ist mehr besser. Jenseits davon beginnt mehr schlechter zu werden.

Wenn Ihr Umfeld Sie wiederholt darauf hinweist, dass Sie "zu ehrlich", "zu vertrauensselig" oder "zu vorsichtig" sind, prüfen Sie, ob Ihre Stärke ihre optimale Schwelle überschritten hat.

Wie Sie beginnen: drei Schritte

Wenn Sie Stärken aus der Theorie in die Praxis holen wollen, brauchen Sie keinen komplizierten Plan. Drei Schritte genügen:

  1. Erkennen. Ermitteln Sie Ihre fünf Signaturstärken. Der Test der Charakterstärken ist dafür das am besten validierte Werkzeug.
  2. Beobachten. Achten Sie eine ganze Woche lang auf die Momente, in denen Sie Ihre Stärken ganz selbstverständlich einsetzen. Wann fühlen Sie sich "in Ihrem Element"? Was tun Sie in diesem Moment?
  3. Ausprobieren. Finden Sie täglich eine neue Anwendung für eine Signaturstärke. Es muss nichts Großes sein. Kleine, bewusste Handlungen summieren sich.

Viele Menschen arbeiten jahrelang an ihren Schwächen und wundern sich, warum sie erschöpft sind. Was, wenn Sie es einmal umgekehrt versuchen? Bauen Sie Ihr Leben auf dem auf, worin Sie von Natur aus stark sind, und schauen Sie, was sich verändert. Die Ergebnisse könnten Sie überraschen.

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