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Persönlichkeit und Selbsterkenntnis

Big Five - die 5 Persönlichkeitsdimensionen erklärt

Das Big-Five-Modell erklärt: Offenheit, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit, Neurotizismus - und was Ihr Profil verrät.

Wie viele Persönlichkeitstests gibt es? Hunderte. Wie viele davon haben eine echte wissenschaftliche Grundlage? Deutlich weniger. Und wenn Sie Psychologen weltweit fragen, welches Persönlichkeitsmodell sie für das verlässlichste halten, geben die meisten dieselbe Antwort: die Big Five.

Warum die Big Five?

Das Big-Five-Modell, manchmal nach den Anfangsbuchstaben seiner fünf Faktoren auch OCEAN genannt, entstand nicht, weil jemand fünf Schubladen erfunden und angefangen hätte, Menschen hineinzusortieren. Es lief andersherum, nämlich über Daten.

In den 1980er und 1990er Jahren analysierten mehrere unabhängige Forschungsteams (Goldberg, 1990; Costa und McCrae, 1992) Tausende von Persönlichkeitsbegriffen in Dutzenden Sprachen. Immer wieder kamen sie zum selben Ergebnis: Die menschliche Persönlichkeit lässt sich zuverlässig über fünf Grunddimensionen beschreiben. Nicht vier, nicht sechs. Fünf.

Anders als populäre Tests wie der MBTI, der Sie einem von sechzehn Typen zuordnet, arbeiten die Big Five mit einem Spektrum. Sie sind nicht introvertiert ODER extrovertiert. Sie liegen irgendwo auf einer Skala, und Ihre genaue Position dort sagt weit mehr über Sie aus als jedes Etikett mit zwei Möglichkeiten.

Die fünf Dimensionen der Persönlichkeit

O - Offenheit für Erfahrungen

Diese Dimension misst, wie stark Sie neue Erfahrungen, Ideen und unkonventionelle Wege suchen.

Hoher Wert: Sie sind neugierig, kreativ und experimentierfreudig. Kunst, Philosophie, Reisen und ungewöhnliche Gedanken ziehen Sie an. Routine langweilt Sie.

Niedriger Wert: Sie bevorzugen bewährte Methoden, praktische Lösungen und klare Regeln. Damit sind Sie nicht zwangsläufig "verschlossen", Sie setzen nur auf Stabilität statt auf Neuheit.

Eine interessante Erkenntnis: Die Forschung von DeYoung et al. (2005) zeigte, dass Offenheit zwei Unterdimensionen hat, nämlich intellektuelle Neugier und ästhetische Sensibilität. Man kann bei der einen hoch und bei der anderen niedrig liegen.

C - Gewissenhaftigkeit

Diese Dimension misst Ihren Grad an Organisation, Disziplin und Verlässlichkeit.

Hoher Wert: Sie planen voraus, halten Termine ein und ziehen Dinge durch. Kollegen sehen Sie als verlässlich. Ihr Schreibtisch ist aufgeräumt, oder zumindest ergibt Ihr System im Chaos für Sie einen Sinn.

Niedriger Wert: Sie sind flexibler, spontaner und weniger an Regeln gebunden. Mit Aufschieben und Organisation kämpfen Sie vielleicht, dafür stellen Sie sich leichter auf unerwartete Veränderungen ein.

Metaanalysen zufolge (Barrick und Mount, 1991) ist Gewissenhaftigkeit der stärkste Persönlichkeitsprädiktor für Arbeitsleistung über alle Berufe hinweg. Das heißt allerdings nicht, dass mehr immer besser wäre: Extrem gewissenhafte Menschen können starr und perfektionistisch werden und neigen zu Burnout.

E - Extraversion

Diese Dimension misst, woher Sie Ihre Energie beziehen und wie stark Sie soziale Reize suchen.

Hoher Wert: Menschen um Sie herum geben Ihnen Energie. Sie sind lebhaft, gesprächig und stehen gern im Mittelpunkt. Nach einer Party fühlen Sie sich aufgeladen.

Niedriger Wert: Sie mögen ruhigere Umgebungen, kleinere Gruppen und mehr Zeit für sich. Nach einer Party brauchen Sie Ruhe zum Auftanken. Schüchtern sind Sie deshalb nicht, Sie gehen nur anders mit Ihrer Energie um.

Zwischen Introversion und Schüchternheit besteht ein wichtiger Unterschied. Ein Introvertierter kann ein brillanter Redner oder eine starke Führungskraft sein, er braucht danach nur Zeit für sich. Ein schüchterner Mensch fürchtet soziale Situationen, ein introvertierter sucht sie schlicht seltener.

A - Verträglichkeit

Diese Dimension misst Ihre Neigung zu Kooperation, Empathie und Rücksicht.

Hoher Wert: Sie sind aufmerksam, freundlich und helfen gern. Konflikten gehen Sie aus dem Weg und sorgen dafür, dass sich alle wohlfühlen. Andere kommen mit ihren Problemen zu Ihnen.

Niedriger Wert: Sie sind direkter, wettbewerbsorientierter und weniger bereit, sich anzupassen. Unbequeme Wahrheiten scheuen Sie nicht. In bestimmten Rollen wie Verhandlung oder Krisenmanagement kann das ein Vorteil sein.

Überlegen Sie kurz, was Ihnen einfällt, wenn jemand von einem "netten Menschen" spricht. Im Kern misst Verträglichkeit genau das. Aber Vorsicht: Zu viel Verträglichkeit kann dazu führen, dass Sie nicht Nein sagen, keine Grenzen ziehen und die eigenen Bedürfnisse nicht vertreten.

N - Neurotizismus

Diese Dimension misst Ihre emotionale Reaktivität und Ihre Anfälligkeit für negative Gefühle.

Hoher Wert: Stress, Angst und negative Emotionen erleben Sie intensiver. Unerwartete Situationen bringen Sie leichter aus der Bahn. Sie machen sich mehr Sorgen und grübeln länger.

Niedriger Wert: Sie sind emotional stabiler, ruhiger und unter Druck belastbarer. Sie behalten einen kühlen Kopf. Die Kehrseite: Manchmal überhören Sie Signale, die Aufmerksamkeit verdient hätten.

Neurotizismus hat in der Psychologie einen etwas unfairen Ruf. Der Begriff klingt nach Diagnose, dabei ist er eine ganz normale Persönlichkeitsdimension. Ein mäßig erhöhter Wert kann sogar nützlich sein, denn er bedeutet, dass Sie Risiken und mögliche Probleme früher bemerken.

Big Five und MBTI: Wo liegt der Unterschied?

MerkmalBig FiveMBTI
Wissenschaftliche Absicherunghoch (Tausende Studien)begrenzt
ZugangSpektrum (Skalen)Typen (Kategorien)
Wiederholungszuverlässigkeithochmittel (bis zu 50 % der Menschen erhalten nach 5 Wochen einen anderen Typ)
Verhaltensvorhersagestarkschwächer
Anzahl der Dimensionen54

Das macht den MBTI nicht wertlos. Er ist ein nützliches Werkzeug für Selbstreflexion und Kommunikation. Wenn Sie aber eine wissenschaftlich fundierte Karte Ihrer Persönlichkeit wollen, sind die Big Five die verlässlichere Wahl.

Was Ihr Profil Ihnen verrät

Die eigentliche Stärke der Big Five liegt nicht in den einzelnen Dimensionen, sondern in ihrem Zusammenspiel. Ihr Profil besteht aus fünf Zahlen, und erst ihr Verhältnis zueinander erzählt Ihre Geschichte.

Hohe Offenheit bei niedriger Gewissenhaftigkeit? Ein kreativer Kopf, dem der Abschluss von Ideen schwerfällt. Hohe Extraversion zusammen mit hoher Verträglichkeit? Ein geborener Teamplayer und Kommunikator. Niedriger Neurotizismus neben niedriger Verträglichkeit? Ein ruhiger, aber harter Verhandler.

Von solchen Kombinationen gibt es Dutzende, jede mit eigenen Stärken und eigenen Fallstricken. Deshalb kann ein einfaches Typenetikett nie leisten, was ein fünfdimensionales Profil zeigt.

Verändert sich Persönlichkeit im Lauf des Lebens?

Ja, aber langsam. Eine Metaanalyse von Roberts et al. (2006) fand, dass Menschen mit dem Alter tendenziell gewissenhafter, verträglicher und emotional stabiler werden. Offenheit steigt bis etwa 30 leicht an und bleibt danach gleich oder sinkt sanft. Extraversion bleibt relativ stabil.

Die Genetik spielt eine große Rolle. Zwillingsstudien zeigen, dass Persönlichkeitsmerkmale zu etwa 40 bis 60 % erblich sind (Bouchard, 2004). Der Rest entsteht aus Umwelt und Erfahrung. Sie können Ihre Persönlichkeit also bis zu einem gewissen Grad beeinflussen, aber Sie erfinden sich nicht von Grund auf neu.

Wie Sie die Big Five praktisch nutzen

Ihr Profil zu kennen, hilft Ihnen in mehreren Bereichen:

  • Beruf: Welches Arbeitsumfeld passt zu Ihnen? Brauchen Sie Struktur (hohes C) oder Freiraum (niedriges C)? Arbeit mit Menschen (hohes E) oder für sich allein (niedriges E)?
  • Beziehungen: Wer das eigene Profil und das des Partners versteht, vermeidet unnötige Konflikte. Ihr Partner ist nicht "schwierig", weil er anders auf Stress reagiert, er hat einfach einen anderen Wert auf der Neurotizismusskala.
  • Persönliche Entwicklung: Wenn Sie wissen, wo Sie auf jeder Skala stehen, können Sie an den Punkten ansetzen, die Sie tatsächlich bremsen, statt alles auf einmal ändern zu wollen.

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