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Persönlichkeit und Selbsterkenntnis

Introvertiert vs. extrovertiert - mehr als schüchtern und gesellig

Introvertiert oder extrovertiert? Die Skala misst Ihre Energie, nicht Ihre Sozialkompetenz - und die meisten liegen irgendwo in der Mitte.

Wenn im Meeting jemand eine Brainstorming-Runde vorschlägt, leuchtet die eine Hälfte des Raums auf und die andere verschanzt sich innerlich hinter dem Monitor. Kommt Ihnen das bekannt vor? Zu welcher Gruppe Sie gehören, verrät einiges darüber, wo Sie auf der Extraversionsskala stehen. Die Wahrheit über Introversion und Extraversion ist allerdings deutlich spannender, als die meisten vermuten.

Der größte Mythos: introvertiert gleich schüchtern, extrovertiert gleich gesellig

Diese Vereinfachung hält sich seit Jahrzehnten, und sie führt in die Irre. Introversion ist keine Schüchternheit. Und Extraversion ist nicht dasselbe wie Geselligkeit.

Schüchternheit ist die Angst vor sozialer Bewertung, also die Sorge darum, was andere über Sie denken. Ein introvertierter Mensch fürchtet soziale Situationen nicht zwangsläufig. Er zieht aus ihnen nur weniger Energie als ein extrovertierter, und nach einer gewissen Dosis sozialer Reize braucht er Zeit allein, um wieder aufzutanken.

Susan Cain, Autorin des Bestsellers Quiet: The Power of Introverts (2012), hat es schlicht formuliert: "Bei Introversion geht es darum, wie man auf Reize reagiert, auch auf soziale. Extrovertierte suchen Reize, Introvertierte fühlen sich am lebendigsten, wenn es ruhiger zugeht."

Ein introvertierter Mensch kann ein brillanter Konferenzredner sein. Ein extrovertierter kann beim ersten Date nervös werden. Die Extraversionsskala misst Ihre Energiedynamik, nicht Ihre sozialen Fähigkeiten.

Was Extraversion tatsächlich misst

Im Persönlichkeitsmodell der Big Five setzt sich Extraversion aus mehreren Bestandteilen zusammen:

  • Geselligkeit: wie viel sozialen Kontakt Sie aktiv suchen
  • Durchsetzungsstärke: die Leichtigkeit, mit der Sie in einer Gruppe die Führung übernehmen
  • Positive Emotionalität: wie intensiv Sie Begeisterung und Freude erleben
  • Reizsuche: das Maß an Stimulation, bei dem Sie sich wohlfühlen
  • Aktivitätsniveau: Ihr allgemeines Lebenstempo

Bei einem Bestandteil können Sie hoch liegen und bei einem anderen niedrig. Vielleicht sind Sie ein geselliger Introvertierter: Sie verbringen gern Zeit mit Freunden, sind aber schnell erschöpft und brauchen danach Ruhe. Oder ein stiller Extrovertierter, der große Gruppen meidet, aus Begegnungen aber trotzdem Energie zieht.

Ambiversion: Die meisten von uns liegen irgendwo dazwischen

Wussten Sie, dass reine Introvertierte und reine Extrovertierte in der Minderheit sind? Der Psychologe Adam Grant von der Wharton School schätzt, dass zwei Drittel der Menschen Ambivertierte sind, also irgendwo in der Mitte der Skala liegen.

Ambiversion bekommt zwar weniger Aufmerksamkeit, kann aber ein Vorteil sein. Grant (2013) veröffentlichte in Psychological Science eine Studie, nach der die erfolgreichsten Verkäufer nicht die Extrovertierten sind, wie man erwarten würde, sondern die Ambivertierten. Sie stellen Nähe her und erzeugen Begeisterung (die extrovertierte Seite), können aber auch zuhören und sich auf den Kunden einstellen (die introvertierte Seite).

Wo stehen Sie? Lädt Sie ein Freitagabend mit Freunden im Restaurant auf, oder klingt ein Freitagabend mit einem Buch auf dem Sofa besser? Und was, wenn die ehrliche Antwort lautet: "Kommt darauf an, was für eine Woche ich hinter mir habe"?

Wie Introversion und Extraversion die Arbeit prägen

Die meisten Arbeitsumgebungen sind vor allem für Extrovertierte gebaut. Großraumbüros, Brainstorming-Runden, Netzwerkveranstaltungen, Teambuilding. Für Introvertierte bedeutet das eine tägliche Dosis Erschöpfung, die niemand ernst nimmt.

Dabei bringen beide Seiten unterschiedliche, aber gleichermaßen wertvolle Qualitäten in ein Team:

IntrovertierteExtrovertierte
Entscheidungenbedachter, langsamer, weniger impulsivschneller, intuitiver, risikobereiter
Kommunikationbevorzugt schriftlich und in die Tiefebevorzugt mündlich und spontan
Führungwirksam bei proaktiven Teams (Grant, Gino und Hofmann, 2011)wirksam bei passiven Teams
Kreativitätstärker in der Einzelarbeitstärker beim gemeinsamen Ideensammeln
Netzwerkenkleineres Netzwerk, tiefere Beziehungengrößeres Netzwerk, breitere Reichweite

Ein Beispiel aus der Praxis: Mark leitete ein fünfköpfiges Entwicklerteam. Er war introvertiert, und sein Vorgesetzter beklagte, er "kommuniziere zu wenig" und sei "nicht sichtbar genug". Trotzdem hatte sein Team die niedrigste Fluktuation im ganzen Unternehmen. Warum? Mark musste nicht laut sein. Er hörte zu, ließ seinen Leuten Raum und löste Probleme in ruhigen Einzelgesprächen. Sein Führungsstil war nicht schlechter, sondern anders.

Mythen, die man getrost hinter sich lassen kann

"Introvertierte mögen keine Menschen"

Doch, sie mögen sie. Sie brauchen nur nicht so viele um sich herum und ziehen tiefe Beziehungen einem breiten Bekanntenkreis vor.

"Extrovertierte sind oberflächlich"

Sind sie nicht. Ihre Energie für soziale Kontakte bedeutet nicht, dass sie zu tiefem Denken oder echten Beziehungen unfähig wären. Sie verarbeiten Informationen anders: Oft denken sie laut und entwickeln ihre Gedanken erst im Gespräch.

"Ein Introvertierter kann lernen, extrovertiert zu werden"

Extrovertiertes Verhalten lässt sich lernen, an der grundlegenden Energiedynamik ändert das jedoch nichts. Und dauerhaft gespielte Extraversion hat ihren Preis: Eine Untersuchung von Little (2008) zeigte, dass Introvertierte, die konsequent eine extrovertierte Rolle spielen, von stärkerer Erschöpfung und geringerer Lebenszufriedenheit berichten.

"Extrovertierte gewinnen immer"

Bill Gates, Warren Buffett, J. K. Rowling: Alle bezeichnen sich als introvertiert. Den Vorteil der Extrovertierten gibt es, aber er ist kleiner als gedacht und hängt stark vom Kontext ab. Mit Homeoffice und digitaler Kommunikation verschieben sich die Gewichte ohnehin.

Wie Sie im Einklang mit Ihrer Position auf der Skala leben

Das Ziel ist nicht, introvertierter oder extrovertierter zu werden. Das Ziel ist, Ihre Position auf der Skala zu kennen und Ihr Umfeld an sich anzupassen, statt umgekehrt.

Wenn Sie eher introvertiert sind:

  • Blocken Sie stille Zeiten im Kalender, also Stunden ohne Termine und ohne Kontakt.
  • Vor Besprechungen hilft schriftliche Vorbereitung. Ihre Ideen sind wertvoll, sie brauchen nur Zeit zum Reifen.
  • Suchen Sie eine Arbeit, die Ihr Bedürfnis nach Konzentration respektiert: Homeoffice, ein eigenes Büro, flexible Zeiten.
  • Ein ganzer Tag zur Erholung nach einer Feier ist kein Makel, sondern völlig normal.

Wenn Sie eher extrovertiert sind:

  • Nicht jeder teilt Ihr Bedürfnis nach Austausch. Wer die gemeinsame Mittagspause absagt, weist nicht Sie zurück, sondern braucht vielleicht einfach Ruhe.
  • Üben Sie das Zuhören. Ihre Lust am Reden und Teilen ist wertvoll, doch manchmal hilft Schweigen am meisten.
  • Wer von zu Hause arbeitet, sollte sich soziale Kontakte außerhalb der Arbeit bewusst organisieren.

Extraversion in Beziehungen

Die klassische Frage: Funktionieren Paare am besten introvertiert mit introvertiert, extrovertiert mit extrovertiert oder gemischt? Die Forschung gibt keine eindeutige Antwort, sie deutet aber darauf hin, dass gegenseitiges Verständnis und Respekt für Unterschiede mehr zählen als eine Übereinstimmung bei der Extraversion (Weidmann et al., 2017).

Probleme entstehen, wenn einer die Bedürfnisse des anderen persönlich nimmt. Der Extrovertierte denkt, sein introvertierter Partner liebe ihn nicht, weil er nicht auf die Party will. Der Introvertierte denkt, seine extrovertierte Partnerin respektiere ihn nicht, weil sie ihm nie Raum lässt. Die Lösung ist kein Kompromiss in der Mitte, sondern die Einsicht, dass beide etwas Unterschiedliches brauchen, und die Suche nach Wegen, beides zu erfüllen.

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