Sie sitzen im Bus, und es trifft Sie aus dem Nichts. Das Herz hämmert, die Handflächen werden feucht, und in der Brust zieht sich etwas zusammen, das Sie nicht benennen können. Sie schauen sich um. Niemand sonst wirkt beunruhigt. Es gibt keine Gefahr. Keinen Grund. Und doch schreit Ihr Körper: Lauf weg. Wenn Ihnen das bekannt vorkommt, sind Sie nicht allein. Angst gehört zu den häufigsten psychischen Erfahrungen überhaupt. Und sie bedeutet keineswegs, dass mit Ihnen etwas nicht stimmt.
Was Angst ist und warum es sie gibt
Angst ist ein evolutionärer Mechanismus, der uns über Hunderttausende von Jahren am Leben gehalten hat. Traf unsere Vorfahren auf ein Raubtier, aktivierte das Gehirn die Kampf-oder-Flucht-Reaktion. Das sympathische Nervensystem flutete den Körper mit Adrenalin und Cortisol, beschleunigte den Herzschlag, spannte die Muskeln an und schärfte die Sinne. Alles für einen einzigen Zweck: Überleben.
Das Problem ist, dass Ihr Gehirn urzeitliche und moderne Bedrohungen nicht zuverlässig auseinanderhalten kann. Eine Präsentation vor Kollegen, eine ungelesene Nachricht vom Chef oder eine Prüfung lösen denselben körperlichen Mechanismus aus wie die Begegnung mit einem Tiger. Ihr Körper reagiert, als ginge es um Ihr Leben, obwohl es nur eine E-Mail ist.
Normale Angst ist anpassungsfähig. Sie hilft Ihnen, sich vor einer wichtigen Aufgabe zu konzentrieren, echten Gefahren auszuweichen und sich auf schwierige Situationen vorzubereiten. Sie spüren sie, Sie erledigen die Aufgabe, und sie verklingt.
Krankhafte Angst funktioniert anders. Sie kommt ohne erkennbaren Anlass, hält unverhältnismäßig lange an, ist intensiver als die Situation es rechtfertigt und stört den Alltag. Die Grenze zwischen beiden ist unscharf, aber es gibt sie.
Formen der Angst: nicht jeder erlebt sie gleich
Angst sieht nicht bei jedem Menschen gleich aus. Die Psychologie unterscheidet mehrere Grundformen mit jeweils eigener Dynamik.
Generalisierte Angststörung (GAS)
Stellen Sie sich ein Radio im Kopf vor, das pausenlos Meldungen über alles sendet, was schiefgehen könnte. Arbeit, Gesundheit, Beziehungen, Geld, Zukunft. Keine konkrete Furcht, sondern chronische, diffuse Sorge um alles. Menschen mit einer generalisierten Angststörung sorgen sich an den meisten Tagen über mindestens sechs Monate hinweg übermäßig und unkontrollierbar. Nach dem Diagnostischen und Statistischen Manual Psychischer Störungen (DSM-5) gehören zur Diagnose außerdem Muskelanspannung, Schlaflosigkeit, Reizbarkeit, Erschöpfung und Konzentrationsprobleme.
Soziale Angst
Die Furcht vor der Bewertung durch andere. Nicht die gewöhnliche Nervosität vor einem Vortrag, sondern lähmendes Grauen vor jeder sozialen Situation, in der jemand ein Urteil fällen könnte. Mittagessen mit Kollegen, ein Anruf bei einer fremden Person, eine Frage nach dem Weg. Betroffene meiden solche Situationen oft vollständig, was die Angst paradoxerweise verstärkt.
Spezifische Phobien
Intensive, irrationale Furcht vor einem bestimmten Objekt oder einer bestimmten Situation. Spinnen, Höhe, enge Räume, Spritzen, Fliegen. Das Schlüsselwort lautet "unverhältnismäßig". Sie wissen, dass die Hausspinne im Bad nicht lebensbedrohlich ist, und trotzdem reagiert Ihr Körper, als wäre sie es.
Panikstörung
Wiederkehrende Panikattacken: plötzliche Wellen intensiver Furcht, begleitet von körperlichen Symptomen wie rasendem Herzschlag, Erstickungsgefühl, Schwindel, Zittern und dem Eindruck von Unwirklichkeit. Viele Menschen rufen bei ihrer ersten Panikattacke den Notarzt, überzeugt davon, einen Herzinfarkt zu erleiden. Eine Panikattacke selbst ist nicht gefährlich, aber das Erlebnis ist so verstörend, dass Betroffene in der Furcht vor der nächsten zu leben beginnen. Ein Teufelskreis entsteht.
Warum manche Menschen Angst intensiver erleben
Die Antwort liegt im Zusammenspiel von Genetik, Neurobiologie und Lebenserfahrung. Und in der Persönlichkeit.
Neurotizismus: die Persönlichkeitsdimension der Angst
Im Big-Five-Modell misst Neurotizismus direkt die Neigung, negative Emotionen zu erleben, darunter Angst, Furcht, Traurigkeit und Reizbarkeit. Menschen mit hohen Werten haben ein Gehirn, das empfindlicher auf mögliche Bedrohungen reagiert. Ihre Amygdala, die für die Verarbeitung von Furcht zuständige Hirnstruktur, antwortet schneller und heftiger.
Eine 2009 im Psychological Bulletin veröffentlichte Arbeit von Lahey kam zu dem Ergebnis, dass Neurotizismus der stärkste Persönlichkeitsprädiktor für Angststörungen ist. Das heißt nicht, dass jeder Mensch mit hohem Neurotizismus unter Angst leiden wird. Es heißt, dass die Schwelle für ihre Auslösung niedriger liegt. Denken Sie an eine empfindlichere Alarmanlage: Sie schützt Sie, schlägt aber auch öfter grundlos an.
Wenn Sie wissen möchten, wo Sie auf der Neurotizismus-Skala stehen, zeigt Ihnen das der Big-Five-Persönlichkeitstest, zusammen mit den anderen vier Dimensionen Ihrer Persönlichkeit.
Genetik und Erblichkeit
Forschung an eineiigen Zwillingen zeigt, dass die Erblichkeit von Angststörungen bei etwa 30 bis 40 Prozent liegt (Hettema, Neale und Kendler, 2001). Genetik spielt also eine Rolle, ist aber kein Schicksal. Die verbleibenden 60 bis 70 Prozent gehen auf Umwelt und individuelle Erfahrung zurück. Wenn ein Elternteil eine Angststörung hat, bekommen Sie sie nicht zwangsläufig auch. Sie tragen lediglich eine höhere biologische Veranlagung, an der Sie aktiv arbeiten können.
Kindheit und frühe Erfahrungen
Unsichere Bindung in der Kindheit, überbehütende Erziehung, traumatische Erlebnisse oder ein unberechenbares Umfeld formen das Nervensystem. Das Gehirn eines Kindes lernt, ob die Welt sicher oder gefährlich ist. Und diese Einstellung nehmen wir als Grundmodus ins Erwachsenenalter mit. Die gute Nachricht: Das Gehirn ist plastisch. Was es gelernt hat, kann es umlernen. Es braucht nur Zeit und bewusste Arbeit.
Das kognitive Modell der Angst: wie Gedanken die Furcht nähren
Aaron Beck, der Begründer der kognitiven Therapie, beschrieb, wie Angst auf der Ebene des Denkens arbeitet. Nach seinem Modell sind nicht die Ereignisse das Problem, sondern unsere Deutung von ihnen. Ängstliche Menschen überschätzen systematisch die Wahrscheinlichkeit und Schwere negativer Ausgänge und unterschätzen ihre eigene Fähigkeit, damit umzugehen.
Katastrophisieren
"Was, wenn ich es nicht schaffe? Was, wenn ich gekündigt werde? Was, wenn ich auf der Straße lande?" Der Kopf springt von einem kleinen Problem direkt zum schlimmstmöglichen Szenario. Ihr Chef schreibt "Ich muss mit Ihnen sprechen", und fünf Sekunden später sehen Sie sich schon Ihre Schreibtischsachen in einen Karton packen. Katastrophisieren ist wie eine Aufzugfahrt, die nur nach unten geht und auf jeder Etage des Schreckens hält.
Übergeneralisierung
Eine schlechte Erfahrung wird zur Regel über die ganze Welt. "Meine Präsentation lief schlecht, also werde ich nie ein guter Redner sein." "Mein Partner hat mich verlassen, also könnte mich niemand lieben." Ein einzelner Datenpunkt wird zum Naturgesetz.
Gedankenlesen
Die Überzeugung, zu wissen, was andere denken. "Die halten mich bestimmt für dumm." "Man sieht mir an, wie nervös ich bin." In Wahrheit denken die meisten Menschen vor allem an sich selbst. Doch das ängstliche Gehirn ignoriert diese Tatsache.
Selektive Aufmerksamkeit
Ein Gehirn unter dem Einfluss von Angst arbeitet wie ein Filter, der nur Bedrohungen durchlässt. In einem Raum voller lächelnder Menschen bemerken Sie die eine Person, die die Stirn runzelt. Von zehn positiven Rückmeldungen bleibt die eine kritische hängen. Das ist keine Entscheidung. Es ist ein automatischer kognitiver Prozess, der die Angst am Leben hält.
8 wissenschaftlich belegte Techniken gegen Angst
Die folgenden Techniken sind keine Alternativmedizin und keine Motivationssprüche aus dem Netz. Jede hat Forschungsbelege hinter sich und wird in der klinischen Praxis eingesetzt. Sie müssen nicht alle beherrschen. Wählen Sie zwei oder drei aus, die Ihnen einleuchten, und probieren Sie sie mindestens zwei Wochen lang.
1. Zwerchfellatmung
Wenn die Angst zuschlägt, ist der Atem das Erste, was Sie steuern können. Langsames, tiefes Atmen ins Zwerchfell aktiviert das parasympathische Nervensystem, den Gegenspieler der Kampf-oder-Flucht-Reaktion. Eine in Frontiers in Psychology veröffentlichte Studie von Ma et al. (2017) fand, dass langsames Atmen (etwa 6 Atemzüge pro Minute) den Cortisolspiegel und das subjektive Angsterleben deutlich senkt.
So geht es: Atmen Sie 4 Sekunden durch die Nase ein. Der Bauch hebt sich, der Brustkorb bleibt ruhig. Halten Sie 4 Sekunden. Atmen Sie 6 Sekunden durch den Mund aus. Wiederholen Sie das 5 bis 10 Mal. Die Technik wirkt am besten, wenn Sie sie regelmäßig üben und nicht erst im Moment der Panik. Ihr Gehirn gewöhnt sich daran und kann sie in der akuten Situation schneller abrufen.
2. Progressive Muskelentspannung
Edmund Jacobson entwickelte diese Methode 1938, seither wurde sie in Dutzenden klinischen Studien untersucht. Das Prinzip ist schlicht: Angst zeigt sich als Muskelanspannung, und wenn Sie diese Anspannung bewusst lösen, signalisieren Sie dem Gehirn, dass die Gefahr vorbei ist.
So geht es: Arbeiten Sie sich von den Füßen bis zum Gesicht durch alle Muskelgruppen. Spannen Sie jede Gruppe 5 Sekunden kräftig an, dann lösen Sie 15 Sekunden lang. Achten Sie auf den Unterschied zwischen Spannung und Entspannung. Die ganze Übung dauert etwa 15 Minuten. Eine Metaanalyse von Manzoni et al. (2008) bestätigte, dass progressive Muskelentspannung einen mittleren bis großen Effekt auf die Reduktion von Angst hat.
3. Die 5-4-3-2-1-Technik
Wenn die Angst Sie nach innen zieht, in eine Spirale aus Gedanken und Schreckensszenarien, holt Sie diese Erdungsübung über die Sinne in die Gegenwart zurück. Die 5-4-3-2-1-Technik ist die bekannteste und einfachste Erdungsmethode und wird häufig in der Trauma- und Angsttherapie eingesetzt.
So geht es: Benennen Sie 5 Dinge, die Sie sehen. 4 Dinge, die Sie berühren können. 3 Geräusche, die Sie hören. 2 Gerüche. 1 Geschmack. Was genau Sie benennen, spielt keine Rolle. Worauf es ankommt, ist die Verlagerung der Aufmerksamkeit von der Innenwelt katastrophaler Gedanken in die Außenwelt konkreter Sinneseindrücke.
4. Kognitive Umstrukturierung
Das ist der Kern der kognitiven Verhaltenstherapie (KVT), des Goldstandards bei der Behandlung von Angststörungen. Eine Metaanalyse von Hofmann et al. (2012) über mehr als 100 Studien bestätigte, dass KVT bei allen Formen von Angststörungen wirksam ist.
So geht es: Sobald Sie einen ängstlichen Gedanken bemerken, schreiben Sie ihn auf. Dann stellen Sie sich diese Fragen: Was spricht für diesen Gedanken? Was spricht dagegen? Ist das eine Tatsache oder eine Deutung? Was würde ich einer Freundin sagen, die denselben Gedanken hätte? Was ist der wahrscheinlichste Ausgang, nicht der schlimmste? Das Ziel ist nicht positives Denken. Das Ziel ist realistisches Denken. "Das wird garantiert eine Katastrophe" durch "Das ist unangenehm, aber ich komme damit klar" zu ersetzen, ist kein Optimismus. Es ist Genauigkeit.
5. Das Prinzip der Expositionstherapie
Situationen zu meiden, die Angst auslösen, ist die natürlichste Reaktion. Und die schlechteste Strategie überhaupt. Jede Vermeidung verstärkt im Gehirn das Signal, die Situation sei gefährlich. Expositionstherapie arbeitet nach dem umgekehrten Prinzip: Sie stellen sich schrittweise und bewusst dem, wovor Sie sich fürchten, bis Ihr Gehirn die Bedrohung neu bewertet.
So geht es: Bauen Sie eine Angsthierarchie von 1 bis 10 auf. Stufe 1 ist eine leicht unangenehme Situation, Stufe 10 die schlimmste. Beginnen Sie bei Stufe 2 oder 3. Bleiben Sie in der Situation, bis Ihre Angst mindestens um die Hälfte gesunken ist. Das ist der springende Punkt: Angst geht immer zurück, wenn Sie lange genug in der Situation bleiben. Ihr Gehirn lernt, dass die Bedrohung nie eingetreten ist. Ein Hinweis zur Vorsicht: Bei schwereren Phobien oder nach Traumata sollte die Expositionsarbeit unter therapeutischer Begleitung stattfinden.
6. Verhaltensaktivierung
Angst führt zum Rückzug. Sie gehen weniger aus, sagen Einladungen ab und machen Ihre Welt kleiner. Verhaltensaktivierung durchbricht diesen Kreislauf, indem Sie bewusst Aktivitäten einplanen, die Ihnen ein Gefühl von Erfolg oder Freude geben, auch wenn Ihnen gerade nicht danach ist.
So geht es: Planen Sie jeden Tag mindestens eine Tätigkeit, die Kompetenz vermittelt (kochen, aufräumen, eine Aufgabe abschließen), und eine, die reines Vergnügen ist (ein Spaziergang, Kaffee mit einer Freundin, Lesen). Notieren Sie, wie Sie sich davor und danach gefühlt haben. Die meisten Menschen stellen fest, dass es ihnen danach besser geht, obwohl sie überhaupt keine Lust hatten anzufangen.
7. Achtsamkeit und Meditation
Achtsamkeit ist keine esoterische Praxis. Sie ist ein systematisches Training der Aufmerksamkeit mit umfangreicher Forschungsgrundlage. Das von Jon Kabat-Zinn entwickelte Programm Mindfulness-Based Stress Reduction (MBSR) wurde in Hunderten Studien untersucht. Eine Metaanalyse von Khoury et al. (2013) kam zu dem Ergebnis, dass Achtsamkeit besonders bei Angst und Depression wirksam ist.
So geht es: Beginnen Sie mit 5 Minuten täglich. Setzen Sie sich hin, schließen Sie die Augen und richten Sie die Aufmerksamkeit auf den Atem. Wenn die Gedanken abschweifen, und das werden sie, führen Sie sie sanft zum Atem zurück. Ohne Bewertung, ohne Ärger. Jede Rückführung der Aufmerksamkeit ist wie eine Wiederholung im Fitnessstudio. Sie stärken Ihre Fähigkeit, sich von ängstlichen Gedanken nicht mitreißen zu lassen. Zahlreiche Apps und Podcasts mit geführten Meditationen erleichtern den Einstieg.
8. Körperliche Bewegung
Bewegung gehört zu den am stärksten unterschätzten Mitteln gegen Angst. Eine Metaanalyse von Stubbs et al. (2017) mit mehr als 12.000 Teilnehmenden bestätigte, dass regelmäßige körperliche Aktivität Angstsymptome deutlich reduziert. Der Mechanismus ist vielschichtig: Bewegung senkt Cortisol, steigert die Endorphinproduktion, verbessert den Schlaf und stärkt das Vertrauen in die eigene Wirksamkeit.
So geht es: Sie müssen keinen Marathon laufen. Forschung zeigt, dass schon 30 Minuten zügiges Gehen dreimal pro Woche eine messbare angstlösende Wirkung haben. Suchen Sie sich eine Bewegungsform, die Ihnen Freude macht. Schwimmen, Yoga, Tanzen, Radfahren, Krafttraining, Gassigehen. Das beste Training ist das, das Sie tatsächlich machen. Beständigkeit zählt mehr als Intensität.
Wann Angst zur Störung wird
Die Grenze zwischen alltäglicher Angst und einer Angststörung ist nicht immer klar. Das DSM-5 definiert die generalisierte Angststörung (GAS) über folgende Kriterien:
- Übermäßige Angst und Sorge über verschiedene Ereignisse oder Tätigkeiten, an den meisten Tagen über mindestens 6 Monate
- Schwierigkeiten, die Sorge zu kontrollieren, selbst wenn man damit aufhören möchte
- Mindestens drei von sechs Symptomen: Ruhelosigkeit oder Nervosität, rasche Ermüdbarkeit, Konzentrationsprobleme, Reizbarkeit, Muskelanspannung, Schlafstörungen
- Klinisch bedeutsames Leiden oder Beeinträchtigung in Beruf, Beziehungen oder anderen wichtigen Lebensbereichen
- Die Symptome lassen sich nicht besser erklären durch eine andere psychische Störung, eine körperliche Erkrankung oder Substanzkonsum
Ein wichtiger Hinweis: Eine Diagnose stellt eine Psychiaterin oder ein klinischer Psychologe, kein Artikel im Internet. Diese Angaben dienen der Orientierung, nicht der Selbstbehandlung.
Warum Willenskraft allein die Angst nicht löst
Einer der größten Irrtümer über Angst klingt so: "Beruhig dich doch einfach." Oder: "Denk nicht so viel darüber nach." Das ist, als würde man einem Allergiker sagen, er solle mit dem Niesen aufhören. Angst ist keine Entscheidung. Sie ist eine automatische Reaktion des Nervensystems, die sich beeinflussen, aber nicht auf Befehl abschalten lässt.
Paradoxerweise verschlimmert der Versuch, Angst zu unterdrücken, sie oft. Wegner (1994) demonstrierte den sogenannten Weißer-Bär-Effekt: Je stärker Sie sich bemühen, nicht an etwas zu denken, desto mehr denken Sie daran. Die Angst anzunehmen, also die Haltung "Ja, ich habe gerade Angst, das ist unangenehm, aber es geht vorbei", wirkt besser als der Kampf gegen sie.
Dieses Prinzip bildet die Grundlage der Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT), die lehrt, dass das Ziel nicht darin besteht, unangenehme Gefühle loszuwerden, sondern neben ihnen ein sinnvolles Leben zu führen.
Persönlichkeit und Angst: was die Forschung sagt
Ihre Persönlichkeitsmerkmale beeinflussen nicht nur, wie intensiv Sie Angst erleben, sondern auch, welche Bewältigungsstrategien bei Ihnen am besten wirken.
Hoher Neurotizismus bedeutet empfindlichere emotionale Reaktivität. Sie profitieren von stärker strukturierten Techniken (Atemübungen, KVT, regelmäßige Bewegung) und von professioneller Begleitung. Ihre Angst ist keine Schwäche. Sie ist eine Eigenschaft Ihres Nervensystems, mit der sich arbeiten lässt.
Niedrige Extraversion (Introversion) kann soziale Angst verstärken. Zugleich bringen introvertierte Menschen eine natürliche Begabung zur Selbstreflexion mit, was in der Therapie ein Vorteil ist. Meditation und Tagebuchschreiben dürften bei Ihnen besser wirken als Gruppenaktivitäten.
Hohe Gewissenhaftigkeit kann zu Leistungsangst und Perfektionismus führen. Andererseits bleiben gewissenhafte Menschen besser bei therapeutischen Routinen und üben Bewältigungstechniken beständiger.
Niedrige Verträglichkeit kann es erschweren, soziale Unterstützung zu suchen, und die gehört zu den wirksamsten Schutzfaktoren gegen Angst.
Wenn Sie verstehen möchten, wie Ihre Persönlichkeitsmerkmale mit Ihrer Angst zusammenhängen, probieren Sie den Big-Five-Persönlichkeitstest. Die Ergebnisse helfen Ihnen zu erkennen, welche Dimensionen eine Rolle spielen und welche Strategien für Sie am wirksamsten sind.
Wann Sie professionelle Hilfe suchen sollten
Bewältigungstechniken eignen sich gut für alltägliche Angst und leichtere Beschwerden. Doch es gibt Situationen, in denen professionelle Hilfe nötig ist:
- Ihre Angst hält länger als ein paar Wochen an und bessert sich nicht
- Sie meiden aus Furcht bestimmte Situationen, Orte oder Menschen
- Die Angst beeinträchtigt Ihre Arbeit, Ihre Beziehungen oder Ihren Alltag
- Sie haben Panikattacken
- Sie betäuben die Angst mit Alkohol, Medikamenten oder anderen Substanzen
- Es tauchen Gedanken an Selbstverletzung auf
- Körperliche Symptome wie Herzrasen, Atemnot oder Schwindel schränken Sie ein
Hilfe zu suchen ist kein Versagen. Es ist der mutigste Schritt, den Sie gehen können. Die kognitive Verhaltenstherapie (KVT) ist bei allen Formen von Angststörungen nachweislich wirksam und in vielen Fällen ebenso gut wie Medikamente, mit dem Vorteil, dass ihre Wirkung auch nach dem Ende der Behandlung anhält.
Wo Sie Hilfe finden
Wenn Sie das Gefühl haben, dass die Angst über das hinausgeht, was Sie allein bewältigen können, gibt es zahlreiche zugängliche Anlaufstellen:
- Telefonseelsorge - kostenlos und rund um die Uhr unter 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123. Sie müssen sich nicht in einer akuten Krise befinden. Es genügt, dass Sie jemanden zum Reden brauchen.
- Terminservicestelle 116117 - vermittelt Termine bei Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten, auch für die psychotherapeutische Sprechstunde
- Ihre Hausärztin oder Ihr Hausarzt - erste Anlaufstelle, die an Fachleute überweisen und in akuten Fällen Medikamente verordnen kann
- Fachärztin oder Facharzt für Psychiatrie - stellt Diagnosen und behandelt sowohl mit Psychotherapie als auch mit Medikamenten
- Approbierte Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten - spezialisierte Psychotherapie, bei entsprechender Indikation von der Krankenkasse übernommen
- Therapeutensuche der Landespsychotherapeutenkammern - durchsuchbare Verzeichnisse nach Ort, Verfahren und Schwerpunkt
Die Wartezeiten auf einen Therapieplatz können leider lang sein, teils mehrere Monate. Wenn Sie nicht warten können, kommen eine Privatpraxis oder eine Online-Therapie infrage, die inzwischen als vollwertige Alternative zu Sitzungen vor Ort gilt (Andersson et al., 2019).
Angst ist nicht Ihr Feind
Es klingt widersprüchlich, aber Angst hat eine Funktion. Das Problem ist nicht, dass Sie sie spüren. Das Problem beginnt dort, wo sie über den Punkt hinauswächst, an dem sie Ihnen hilft, und dem Leben im Weg steht, das Sie führen möchten. Die Techniken in diesem Artikel geben Ihnen Werkzeuge für den Umgang mit ihr. Nicht zur Beseitigung, sondern zum Verstehen und zur Rückgewinnung der Kontrolle.
Fangen Sie klein an. Probieren Sie eine Atemtechnik. Schreiben Sie einen ängstlichen Gedanken auf und prüfen Sie, ob er wirklich zutrifft. Gehen Sie eine halbe Stunde spazieren. Und wenn Sie besser verstehen möchten, wie Ihre Persönlichkeit Ihr Angsterleben prägt, machen Sie den Big-Five-Persönlichkeitstest. Denn der erste Schritt im Umgang mit Angst ist zu verstehen, woher sie kommt. Und der zweite ist die Entscheidung, ihr nicht allein gegenüberzutreten.

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