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Psychologie und Wohlbefinden

Erfolg oder Glück? Warum Sie sich Ihr Verdienst absprechen

"Ich hatte Glück mit dem Team, der Zeit, der Aufgabe." Warum wir Erfolg den Umständen zuschreiben und Misserfolg uns selbst, und wie Sie das drehen.

Katrin und Stefan haben in derselben Woche ein vergleichbar anspruchsvolles Projekt abgeliefert, und die Geschäftsführung hat sich bei beiden bedankt. Stefan wirft beim Mittagessen ein, das sei ein ordentlicher Brocken Arbeit gewesen und es habe sich gelohnt, wie lange er an der Analyse gefeilt habe. Katrin sagt, sie habe Glück gehabt, mit dem Team und mit einer Aufgabe, die ihr zufällig gelegen habe.

Die Arbeit war ähnlich, der Satz darüber ein völlig anderer. Und genau dieser Satz entscheidet, was die beiden ins nächste Projekt mitnehmen: der eine Zutrauen, die andere die Frage, ob das noch einmal klappt.

Weiner fragte nicht, was passiert ist, sondern wie Sie es sich erklären

Der Psychologe Bernard Weiner baute in den 80er Jahren eine ganze Motivationstheorie auf einer einzigen Beobachtung auf. Was einem Menschen gelingt oder misslingt, wiegt bei Weitem nicht so schwer wie die Ursache, die er sich selbst dazu einsetzt. Das Ergebnis ist eine Tatsache, die Erklärung ist eine Wahl, und diese Wahl wandert mit.

Erklärungen lassen sich nach ihm mit drei Fragen sortieren. Liegt die Ursache in mir oder außerhalb von mir, ist sie also internal oder external? Hält sie bis zur nächsten Situation, oder wechselt sie, ist sie stabil oder variabel? Und lässt sich überhaupt etwas an ihr steuern, ist sie kontrollierbar? Aus drei Antworten entsteht eine ziemlich genaue Karte dessen, was jemand aus dem eigenen Ergebnis mitnimmt.

Nehmen Sie ein einziges Ereignis, etwa ein gelungenes Vorstellungsgespräch, und gehen Sie vier übliche Erklärungen durch.

Erklärung Wo die Ursache liegt Hält sie bis zum nächsten Mal? Was Ihnen bleibt
Ich kann das Innen Ja, eine Fähigkeit verschwindet nicht Zutrauen, mit dem Sie in die nächste Lage gehen
Ich habe mich vorbereitet Innen Schwankt, aber Sie haben es in der Hand Eine Anleitung, was Sie wiederholen können
Es war leicht Außen Gilt für diese Aufgabe, für andere nicht Nichts über Sie, das nächste Mal wird schwerer
Ich hatte Glück Außen Nein, der Zufall lässt sich nicht lenken Nichts, was sich wiederholen ließe

An der Tabelle sieht man, wo ein Ergebnis abgelegt wird. Fähigkeit und Anstrengung werden Ihrem Konto gutgeschrieben und lassen sich erneut abrufen. Eine leichte Aufgabe und ein glücklicher Zufall liegen außen und sagen deshalb nichts über Sie. Ein und dasselbe Gespräch, vier verschiedene Salden.

Weiner ergänzte noch eine Schicht, die gern übersehen wird. Stolz auf sich, Erleichterung oder Dankbarkeit gegenüber anderen ergeben sich nicht aus dem Ergebnis, sondern eben aus dieser Zuordnung. Die Freude über einen Erfolg, den jemand als Zufall verbucht, ist binnen eines Nachmittags verflogen, weil es niemanden gibt, dem sie gutzuschreiben wäre.

Die meisten Menschen halten die Waage dabei leicht zu ihren Gunsten geneigt. Für ein gutes Ergebnis sind sie selbst verantwortlich, für ein schlechtes eher die Umstände, die Aufgabe oder eine Verkettung unglücklicher Zufälle. Die Psychologie beschreibt diese Neigung seit ungefähr den 70er Jahren und behandelt sie als gewöhnlichen Bestandteil dessen, wie ein Mensch seine Selbstachtung zusammenhält.

Eine Buchhaltung, in der Ihrem Konto nie etwas gutgeschrieben wird

Bei einem Teil der Menschen läuft dieselbe Buchhaltung allerdings andersherum. Der Misserfolg geht auf ihre Rechnung, der Erfolg auf die der Umstände, und diese Schieflage hält sich so zuverlässig, dass sie selbst sie kaum bemerken. Von außen wirkt das wie gut erzogene Bescheidenheit, innen arbeitet es wie ein Radiergummi.

In dem Muster, das Impostor-Syndrom heißt, ist dies eine von drei Quellen der Selbstzweifel: Glück und Umstände. Daneben steht das Hochstapler-Gefühl, also die stille Annahme, Ihre tatsächlichen Fähigkeiten seien kleiner, als es von außen aussieht. Und dann das Kleinreden der Erfolge, bei dem ein Lob gar nicht erst warm wird. Es handelt sich um drei Seiten einer Sache, und meist spricht eine davon lauter als die beiden anderen. Das ganze Muster samt seiner Herkunft nimmt der Text darüber auseinander, was das Impostor-Syndrom ist.

Erkennen lässt es sich an Kleinigkeiten in der Sprache. Auf die Frage, wie Sie zu Ihrer Stelle gekommen sind, beginnen Sie mit dem Wort "zufällig". In der Prüfung seien angeblich genau die Themen drangekommen, die Sie konnten, obwohl Sie alles gelernt hatten. Eine gute Beurteilung übersetzen Sie in Nachsicht von jemandem, der es gut mit Ihnen meinte.

Beschrieben haben das Konzept die Psychologinnen Pauline Clance und Suzanne Imes im Jahr 1978 bei erfolgreichen Frauen, und seither hat sich gezeigt, dass es Männer genauso betrifft. Eine systematische Übersicht von 62 Studien, die Dena Bravata mit Kolleginnen und Kollegen 2020 leitete, fand Schätzungen zur Häufigkeit zwischen 9 und 82 Prozent, je nachdem, wen die jeweilige Studie befragte und wie sie maß. Diese Spannweite sagt für sich schon etwas: Die Grenze zwischen gewöhnlicher Unsicherheit und einem Muster, das Kraft kostet, verläuft fließend und nicht scharf.

Wann das Glück recht hat

Hier lohnt es sich, ehrlich zu bleiben, denn eine übertriebene Korrektur ist genauso ungenau wie der ursprüngliche Fehler. Umstände spielen eine Rolle, und keine kleine. Die Zeit, in die Sie hineingeboren wurden. Die Branche, die gerade einstellte. Die Vorgesetzte, die Sie früher bemerkte als andere. Die Familie, die Sie durch das erste unsichere Jahr getragen hat.

Der Unterschied liegt darin, was Umstände können und was nicht. Sie schaffen eine Gelegenheit, öffnen eine Tür, verkürzen das Warten. Die Arbeit hinter dieser Tür erledigen sie jedoch nicht. Ein glücklicher Zeitpunkt verschafft Ihnen das Projekt, abliefern müssen Sie es selbst, und die Zahl derer, die dieselbe Gelegenheit bekamen und sie nicht zu Ende brachten, ist beträchtlich.

Eine brauchbare Probe ist die Symmetrie. Denken Sie an die letzte Sache, die nicht geklappt hat, und zählen Sie zusammen, wie viel Sie damals dem Pech, einer miserablen Aufgabe oder einem erkrankten Kollegen zugestanden haben. Wenn im Misserfolg fast keine Umstände vorkamen und im Erfolg sämtliche, dann liegt der Fehler nicht bei den Umständen. Er liegt darin, dass sie nur in einer einzigen Spalte in die Rechnung eingehen.

Katrin vom Anfang hatte mit dem Glück beim Team eigentlich recht. Nur hat ihr dieses Team niemand Fremdes zusammengestellt, sie hat es selbst ausgesucht und zwei Leute aus einer anderen Abteilung dazugeholt, weil sie wusste, was die können. Ein Umstand, den sich jemand selbst geschaffen hat, taucht in der eigenen Erzählung genauso als Zufall auf, weil ihn von außen niemand vom Zufall unterscheiden kann.

Mit Bescheidenheit hat das weniger zu tun, als es scheint. Bescheidenheit leugnet die Tatsache nicht, sie posaunt sie nur nicht hinaus; der Mensch weiß, was er getan hat, und muss nicht daran erinnern. Das Kleinreden geht einen Schritt weiter und löscht die Tatsache auch für einen selbst. Wo genau die Grenze zwischen beidem verläuft und was man statt des üblichen Nachsatzes sagen kann, nimmt der Text darüber auseinander, wie man ein Lob annimmt.

Warum der nächste Erfolg nichts repariert

Eine logische Lösung bietet sich an: es sich noch einmal beweisen. Die bessere Stelle bekommen, den Abschluss nachholen, den größeren Auftrag hereinholen, und der Zweifel löst sich unter der Last der Belege auf. In der Praxis geschieht das genaue Gegenteil.

Das neue Ergebnis geht nämlich in dieselbe Buchhaltung ein wie das vorige und durchläuft dieselbe Zuordnung. Die Beförderung? Es war niemand Passenderes zur Hand. Der Auftrag? Der Kunde kannte sonst niemanden. Die Prüfung? Der Prüfer hatte gute Laune. Eine Erklärung findet sich immer, denn das Suchen danach ist eine Gewohnheit und kein Schluss aus Daten.

Mit jeder weiteren Stufe steigt zudem der Einsatz. Je höher jemand steht, desto mehr hat er zu verlieren und desto schärfer klingt die Frage, wie lange das Glück noch hält. Daher der Widerspruch, den das Umfeld meist nicht zusammenbekommt: Zweifel wachsen oft zusammen mit der Karriere und nicht gegen sie.

Diese schiefe Erklärerei bleibt außerdem nicht im Kopf. Wer sich vor allem eine Verkettung von Umständen zuschreibt, fragt schlechter nach mehr Gehalt und zögert länger mit der Bewerbung auf eine Stelle, bei der er eine von zehn Anforderungen nicht erfüllt. Beim Angebot an einen Kunden endet es mit einer Summe, die ein Stück nach unten korrigiert wurde. Solche Entscheidungen wirken vorsichtig und vernünftig, nur trifft sie nicht die Einschätzung des Risikos, sondern die Einschätzung des eigenen Anteils am Gelungenen.

Zuarbeit für den Zweifel leistet auch der Blick auf die anderen. Fremde Erfolge sehen Sie als fertige Ergebnisse, bei sich kennen Sie jede Fassung, jeden Aufschub und jeden Abend, an dem nichts ging. Der Vergleich fällt deshalb zwangsläufig schief aus und bestätigt noch einmal, dass ausgerechnet Sie derjenige sind, dem es bloß geglückt ist. Wie man es anstellt, dass beim Vergleich mit anderen etwas Brauchbares herauskommt, nimmt ein eigener Text auseinander.

Beantworten Sie jetzt eine Frage, ruhig laut. Wann haben Sie zuletzt etwas beschrieben, das Ihnen gelungen ist, ohne dabei das Team, den Zeitpunkt oder die Verkettung der Umstände zu erwähnen? Die meisten Menschen suchen im Gedächtnis länger, als sie erwartet hätten.

Wie Sie sich Ihr Verdienst zurückholen

Überzeugen von außen hilft dabei wenig, weil ein Lob durch denselben Filter läuft wie alles andere und als Höflichkeit wieder herauskommt. Bessere Dienste leisten Stift und Papier. Nicht als Selbstcoaching, sondern weil sich Aufgeschriebenes schlechter verbiegen lässt als eine Erinnerung.

Zerlegen Sie den Erfolg in Schritte. Nehmen Sie die letzte Sache, die geklappt hat, und schreiben Sie in eine Spalte, was Sie getan, entschieden und gelöst haben. In die zweite die Umstände, die Ihnen zugespielt haben. Der Zufall verschwindet von diesem Blatt nicht, sein tatsächlicher Anteil wird nur sichtbar, und der fällt meist kleiner aus, als der erste Eindruck klang.

Das zweite Hilfsmittel ist noch einfacher: zählen Sie die Wiederholungen. Notieren Sie alle vergleichbaren Situationen, die gut ausgegangen sind, also Prüfungen, Gespräche, Projekte, verteidigte Ideen. Einmal konnte es Zufall gewesen sein, zweimal auch. Beim sechsten Eintrag ergibt die Erklärung mit dem Glück keinen Sinn mehr, denn die Wiederholung ist genau das, was den Zufall von einem Können unterscheidet. Halten Sie die Liste griffbereit, weil das Gedächtnis an Zweifeltagen bereitwillig nur das hervorholt, was nicht geklappt hat.

Schreiben Sie sich vor der nächsten Prüfung, Verteidigung oder schwierigen Aufgabe eine Vorhersage auf. Einen Satz darüber, wie es Ihrer Meinung nach ausgeht und warum. Lesen Sie ihn nach dem Ergebnis. Wenn es Ihnen wiederholt besser gelingt, als Sie erwartet haben, halten Sie etwas in der Hand, das sich nicht wegerklären lässt, denn Sie haben es aufgeschrieben, bevor Sie das Ende kannten.

Und dann gibt es noch die Probe, die zehn Sekunden dauert. Stellen Sie sich vor, eine Freundin hätte dasselbe Ergebnis erzielt und erzählt Ihnen bei einem Kaffee davon. Würden Sie über ihr Glück sprechen oder darüber, was sie dafür getan hat? Die Antwort kommt in der Regel ohne Zögern, und an ihr sieht man, dass der Maßstab für Sie selbst und für andere unterschiedlich eingestellt ist.

Welche der drei Seiten bei Ihnen am lautesten spricht, lässt sich schneller herausfinden als durch langes Beobachten. Einen Hinweis gibt der kurze Hochstapler-Syndrom-Test, der neben dem Gesamtmaß der Zweifel auch deren überwiegende Quelle zeigt. Nehmen Sie ihn als Startpunkt für das eigene Bemerken und nicht als Urteil, und vor allem im Bewusstsein, dass er Zweifel misst und keine Fähigkeiten. Vorgehensweisen, getrennt für jede der drei Quellen aufgeschrieben, finden Sie im Text darüber, wie sich das Impostor-Syndrom überwinden lässt.

Drei Sätze und das Wort, das sich darin wiederholt

Probieren Sie diese Woche eine Übung von zehn Minuten aus. Schreiben Sie drei Dinge auf, die Ihnen im vergangenen Jahr gelungen sind, und zu jedem einen Satz, wie Sie es einer Bekannten beim Mittagessen beschreiben würden. Verschönern Sie nichts, schreiben Sie genau das, was Sie tatsächlich sagen würden.

Lesen Sie die Sätze anschließend und unterstreichen Sie alle Wörter, die nach außen zeigen: zufällig, Glück, Team, Zeit, gerade, es hat eben geklappt. Bei manchen bleiben ein paar Bindewörter ohne Strich übrig.

Ziel ist nicht, diese Wörter zu streichen, denn die Hälfte davon steht dort zu Recht. Die Übung soll etwas anderes zeigen: wie viel Platz in Ihrer eigenen Geschichte für Sie übrig geblieben ist. Und ob Sie darin überhaupt irgendwo als jemand auftauchen, der etwas getan hat, und nicht als jemand, dem etwas zugestoßen ist.

Empfohlener Test

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Gehört Ihnen Ihr Erfolg? Gesamtwert, Bereich und die Hauptquelle der Zweifel.

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