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Unternehmertum und Leadership

Feedback geben und annehmen - Modelle, die funktionieren

Feedback geben und annehmen: warum das Sandwich scheitert, wie SBI und Feedforward wirken und was eine Feedback-Kultur trägt.

Jana ist Produktmanagerin. Ihr Kollege Martin hat einen Bericht voller Fehler abgegeben, zum zweiten Mal in diesem Monat. Jana weiß, dass sie etwas sagen müsste. Stattdessen korrigiert sie den Bericht still und hofft, Martin merkt es von selbst. Er merkt nichts. Der nächste Bericht ist noch schlechter.

Laut einer Gallup-Erhebung aus dem Jahr 2024 weisen Mitarbeitende, die regelmäßig gehaltvolle Rückmeldung bekommen, eine um 14,9 % niedrigere Fluktuation auf. Googles internes Projekt Oxygen analysierte Tausende von Führungskräften und fand, dass die Fähigkeit, gutes Feedback zu geben, einer von acht ausschlaggebenden Faktoren war, die herausragende von durchschnittlichen Vorgesetzten trennen. Feedback ist nicht nur ein Führungsinstrument. Es ist eine Fähigkeit, die Ihre Beziehungen, die Leistung Ihres Teams und Ihre eigene Laufbahn prägt.

Warum Feedback sich so schwer anfühlt

Wenn es Ihnen unangenehm ist, Rückmeldung zu geben, sind Sie nicht allein, und es ist kein persönlicher Makel. Das Gehirn reagiert auf Kritik ganz ähnlich wie auf eine körperliche Bedrohung. Das SCARF-Modell von David Rock (2008) benannte fünf soziale Bedürfnisse, die Feedback leicht verletzt: Status, Sicherheit, Autonomie, Zugehörigkeit und Fairness. Sobald jemand Feedback als Angriff auf einen dieser Bereiche wahrnimmt, springt die Amygdala mit einer Kampf-oder-Flucht-Reaktion an.

Deshalb verstummt Ihr Kollege plötzlich, verschränkt die Arme oder beginnt zu argumentieren, obwohl Sie ihm mit konstruktiver Kritik helfen wollten. Er verteidigt nicht seine Arbeit. Er verteidigt sein Sicherheitsgefühl.

Es funktioniert auch andersherum. Derselbe Mechanismus flüstert Ihnen zu: Gib bloß kein negatives Feedback, das könnte die Beziehung beschädigen. Also sagen Sie statt einer ehrlichen Rückmeldung "Sieht gut aus" und hoffen, dass sich das Problem von selbst löst. Es löst sich nicht.

Das Feedback-Sandwich: warum es nicht funktioniert

Fast jeder hat diesen Rat schon gehört: Verpacken Sie Kritik zwischen zwei Komplimenten. Erst etwas Nettes, dann der schwierige Teil, dann wieder etwas Nettes. Klingt logisch. In der Praxis scheitert die Sandwich-Methode aus mehreren Gründen.

Erstens durchschauen Menschen sie. Sobald ein Lob kommt, spannen sie sich für den Schlag an. "Mir gefällt wirklich, wie du den Bericht aufgebaut hast ..." und im Kopf läuft: "Also, was war falsch?" Das Kompliment verliert damit jeden Wert. Zweitens verwässert die positive Verpackung die Kernbotschaft. Der Empfänger behält Anfang und Ende, die Kritik in der Mitte geht verloren. Drittens entsteht Misstrauen. Wenn Lob nur als Vorspiel zur Kritik auftaucht, glaubt bald niemand mehr an Lob.

Roger Schwarz, Organisationspsychologe in Harvard, schrieb 2013 in der Harvard Business Review unmissverständlich, die Sandwich-Methode sei eine manipulative Strategie, die Vertrauen untergräbt. Statt die Beziehung zu schützen, beschädigt sie sie.

Weitere Fehler, die Feedback ruinieren

Vages Lob. "Gut gemacht" sagt nichts. Der Empfänger weiß nicht, was genau gut war und was er wiederholen soll. Lob ohne Konkretes ist nur soziale Höflichkeit.

Verspätetes Feedback. Einer Kollegin im Dezember zu sagen, dass sie im August einen schwachen Workshop geleitet hat, ist für beide Seiten vergeudete Zeit. Je größer der Abstand zwischen Ereignis und Rückmeldung, desto kleiner die Wirkung. Das Gehirn erinnert sich nicht mehr an die Details, und die Empfängerin fühlt sich für etwas ungerecht beurteilt, das sie nicht mehr ändern kann.

Feedback, das auf die Person zielt statt auf das Verhalten. "Du bist unzuverlässig" ist ein Angriff auf die Identität. "In den letzten zwei Wochen hast du drei Berichte nach der Frist abgegeben" beschreibt ein Verhalten, an dem sich arbeiten lässt. Der Unterschied ist gewaltig. Der erste Satz löst Abwehr aus. Der zweite öffnet Raum für eine Lösung.

Das SBI-Modell: einfach und wirksam

Das SBI-Modell (Situation-Behavior-Impact), entwickelt vom Center for Creative Leadership, ist wohl das praktischste Werkzeug für Rückmeldungen. Es arbeitet in drei Schritten:

Situation - beschreiben Sie den konkreten Rahmen. Wann und wo geschah es? "Im gestrigen Kundentermin ..."

Behavior - beschreiben Sie, was Sie beobachtet haben. Keine Deutungen, keine Urteile, nur Fakten. "... hast du Klara zweimal mitten in ihrem Vorschlag unterbrochen."

Impact - erklären Sie die Wirkung. Auf Sie, auf das Team, auf das Ergebnis. "Klara hat den Rest des Termins geschwiegen, und ihre Idee, die gut hätte sein können, wurde nie besprochen."

Warum funktioniert das? Weil Sie die Person nicht bewerten. Sie unterstellen keine Motive. Sie sagen nicht "Du bist arrogant" oder "Du respektierst andere nicht". Sie beschreiben, was Sie gesehen haben, und welche Wirkung es hatte. Der Empfänger muss sich nicht verteidigen, weil Sie ihn nicht angreifen. Sie schildern eine Situation.

SBI eignet sich genauso für positives Feedback. "Im Freitags-Standup (S) hast du Thomas Hilfe bei der Datenbank angeboten, obwohl du deine eigene Frist hattest (B). Dadurch hat er den ganzen Sprint pünktlich abgeschlossen, und das Team musste nichts umplanen (I)." Diese Art von Rückmeldung ist hundertmal wertvoller als "Gut gemacht".

Feedforward: hören Sie auf, in der Vergangenheit zu graben

Marshall Goldsmith, einer der angesehensten Coaches für Führungskräfte, stellte eine Alternative vor, die er Feedforward nannte. Der Kerngedanke: Statt zu sezieren, was passiert ist und sich nicht mehr ändern lässt, richten Sie den Blick darauf, was beim nächsten Mal anders sein kann.

Statt "Deine Präsentation war zu lang und du hast das Publikum verloren" versuchen Sie: "Kürze die Präsentation beim nächsten Mal auf 15 Minuten und schließe mit einer Frage ans Publikum. Das sollte die Aufmerksamkeit halten." Die zweite Fassung transportiert genau dieselbe Information, zeigt aber nach vorn. Der Empfänger muss kein Gefühl des Scheiterns verarbeiten. Er kann direkt überlegen, wie es besser geht.

Goldsmith stellte fest, dass Menschen Feedforward deutlich besser annehmen als klassisches Feedback. Sie fühlen sich nicht beurteilt. Sie fühlen sich unterstützt.

Radikale Offenheit nach Kim Scott

Kim Scott, ehemalige Führungskraft bei Google und Apple, beschrieb in ihrem Buch Radical Candor (2017) ein zweidimensionales Feedback-Modell. Die erste Dimension: persönliche Anteilnahme am anderen. Die zweite: die Bereitschaft, eine unbequeme Wahrheit auszusprechen.

Die Verbindung beider Dimensionen ergibt vier Quadranten:

Sie sagen die Wahrheit Sie verschweigen die Wahrheit
Der Mensch liegt Ihnen am Herzen Radikale Offenheit Ruinöse Empathie
Der Mensch ist Ihnen gleichgültig Verletzende Aggression Manipulative Unaufrichtigkeit

Die meisten Führungskräfte bewegen sich im Quadranten der ruinösen Empathie. Menschen liegen ihnen am Herzen, also sagen sie ihnen die Wahrheit nicht, um sie nicht zu verletzen. Das Ergebnis? Die Person bekommt nie die Chance, besser zu werden. Scott beschreibt eine eigene Erfahrung mit einer Mitarbeiterin, deren Präsentationen monatelang schwach waren. Sie sagte nie etwas, weil sie sie mochte. Am Ende musste sie sich von ihr trennen. "Indem ich ihr die Wahrheit vorenthalten habe, habe ich ihr die Chance genommen, es zu korrigieren", sagt Scott.

Radikale Offenheit heißt, die Wahrheit zu sagen, weil Ihnen der Mensch am Herzen liegt. Nicht obwohl er Ihnen am Herzen liegt. Es fällt schwer. Aber es ist das Freundlichste, was Sie für eine Kollegin tun können.

Wie die Persönlichkeit prägt, wie Sie Feedback geben und annehmen

Jeder reagiert anders auf Rückmeldung, und Persönlichkeitsmerkmale spielen dabei eine große Rolle.

Menschen mit hoher Verträglichkeit (im Big-Five-Modell) meiden Konflikte von Natur aus. Negatives Feedback zu geben ist für sie sehr unangenehm, weil es die Harmonie in der Beziehung stört. Sie sind oft diejenigen, die den Bericht still korrigieren, statt zu sagen, was falsch ist. Paradoxerweise entstehen daraus keine besseren Beziehungen. Es entsteht Frust, der sich aufstaut, bis er überkocht.

Menschen mit hohem Neurotizismus (emotionale Labilität) nehmen Feedback persönlich. Selbst treffsichere konstruktive Kritik kann eine Zweifelsspirale auslösen: "Ich bin schlecht in meinem Job. Wahrscheinlich werde ich gekündigt. Das schaffe ich nie." Wenn Sie jemandem Feedback geben, von dem Sie wissen, dass er empfindsam ist, wird es umso wichtiger, Verhalten und Person zu trennen und genügend konkrete Beispiele zu liefern, damit er sich nicht in Vermutungen verliert.

Umgekehrt weisen Menschen mit niedriger Verträglichkeit und niedriger Offenheit Feedback mitunter rundweg zurück. "Das stimmt nicht. Bei mir läuft alles gut." Bei ihnen wirkt ein Zugang über Daten und messbare Ergebnisse besser als einer über Gefühle und Eindrücke.

Teamrolle und Feedback-Stil

Auch Ihre natürliche Rolle im Team beeinflusst, wie Sie Feedback geben und annehmen. Eine koordinierende Person sieht Rückmeldung meist als Werkzeug für bessere Teamdynamik und formuliert sie diplomatisch. Eine antreibende Person ist direkter, manchmal zu direkt. Eine analytische Person konzentriert sich auf Fakten und Zahlen, übersieht dabei aber womöglich die emotionale Ebene. Und wer stark auf Zusammenhalt achtet, meidet Feedback, um die Stimmung nicht zu stören.

Ihre natürliche Teamrolle zu kennen hilft Ihnen, Ihre blinden Flecken beim Feedback zu verstehen. Wenn Sie neugierig sind, probieren Sie den Teamrollen-Test. Er zeigt, zu welchen Rollen Sie natürlich neigen und wo Ihre Kommunikationsmuster Ihnen ein Bein stellen könnten.

Feedback annehmen: drei Auslöser, die Ihnen im Weg stehen

Sheila Heen und Douglas Stone von der Harvard Law School beschrieben in ihrem Buch Thanks for the Feedback (2014) drei Arten von Auslösern, die uns daran hindern, Rückmeldung anzunehmen, selbst wenn sie objektiv nützlich ist.

Der Wahrheitsauslöser

Sie reagieren auf den Inhalt der Rückmeldung. "Das stimmt doch nicht! Das Projekt lief gut!" Dieser Auslöser springt an, wenn Sie das Feedback für sachlich falsch halten. Das kann berechtigt sein, es kann aber auch Ihr Abwehrmechanismus sein. Bevor Sie die Rückmeldung verwerfen, fragen Sie sich: Sind darin mindestens 10 % Wahrheit?

Der Beziehungsauslöser

Sie reagieren darauf, wer Ihnen Feedback gibt, nicht auf dessen Inhalt. "Was will mir Martin erzählen, wo er selbst ständig Fristen reißt?" Hier filtern Sie die Rückmeldung durch Ihre Beziehung zur Person. Das Problem: Auch Menschen, die Sie nicht schätzen, können recht haben. Versuchen Sie für einen Moment, die Quelle von der Botschaft zu trennen.

Der Identitätsauslöser

Die Rückmeldung trifft Ihr Selbstbild. "Wenn ich nicht gut präsentieren kann, wer bin ich dann?" Das ist der mächtigste der drei Auslöser. Wenn Feedback Ihre Identität bedroht, schaltet das Gehirn in den Notfallmodus. Heen und Stone empfehlen zu lernen, Rückmeldung als Information über ein Verhalten in einem Kontext zu sehen, nicht als Urteil darüber, wer Sie als Mensch sind.

Ein praktischer Tipp: Wenn Sie Feedback erhalten, das eine starke Gefühlsreaktion auslöst, bedanken Sie sich und geben Sie sich 24 Stunden. Das ist keine Feigheit. Das ist Strategie. Sobald die erste Emotion abgeklungen ist, verarbeiten Sie den Inhalt viel klarer.

So bauen Sie eine Feedback-Kultur im Team auf

Einzelne Techniken helfen, echte Veränderung entsteht aber erst, wenn Feedback ein natürlicher Teil der Zusammenarbeit wird und kein Ausnahmeereignis, vor dem sich alle fürchten.

Amy Edmondson von der Harvard Business School zeigte in ihrer Forschung zur psychologischen Sicherheit (1999), dass Teams, in denen Menschen offen über Fehler und Probleme sprechen können, messbar bessere Ergebnisse erzielen. Nicht weil sie weniger Fehler machen. Sondern weil sie darüber reden, daraus lernen und sie beheben, bevor daraus Katastrophen werden.

Das können Sie tun:

  • Fangen Sie bei sich an. Bitten Sie Ihr Team um Rückmeldung zu Ihrer Arbeit. Nicht formell, nicht per E-Mail. Persönlich und konkret: "Was könnte ich in unseren Besprechungen anders machen, damit sie effizienter werden?" Wenn eine Führungskraft vorangeht, ziehen andere nach.
  • Reagieren Sie sichtbar auf Feedback. Wenn jemand Ihnen etwas rückmeldet und Sie daraufhin etwas ändern, sagen Sie es laut. "Du hattest letztes Mal gesagt, meine Briefings seien zu lang. Ich habe sie auf eine Seite gekürzt. Passt das besser?" Das zeigt, dass Rückmeldung etwas bewirkt.
  • Behandeln Sie positives und negatives Feedback gleichermaßen selbstverständlich. Heben Sie Rückmeldung nicht für Probleme auf. Wenn etwas gut läuft, sagen Sie warum. Wer regelmäßig konkretes Lob hört, verkraftet auch Kritik besser.
  • Schaffen Sie Rituale. Retrospektiven nach Projekten, eine kurze Runde "Was lief gut, was nicht" nach einem Workshop, monatliche Einzelgespräche mit einer offenen Frage. Wenn Feedback zum Prozess gehört, hört es auf, sich persönlich anzufühlen.

Eine Feedback-Kultur entsteht nicht in einer Woche. Sie entsteht aus Hunderten kleiner Momente, in denen jemand die Wahrheit gesagt und jemand anderes sie angenommen hat. Jeder dieser Momente stärkt das Vertrauen. Und auf Vertrauen steht jedes funktionierende Team.

Wenn Sie also das nächste Mal den Impuls verspüren, den Bericht still zu korrigieren, statt zu sagen, was falsch ist, versuchen Sie etwas anderes. Beschreiben Sie die Situation, das Verhalten und die Wirkung. Es ist unbequem. Aber genau deshalb ist es so wertvoll.

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