Lukas hat am Montag in der Besprechung einen Spruch wiederholt, über den am Freitag der ganze Tisch bei Sabine gelacht hatte. Dieselben Worte, dieselbe Reihenfolge, sogar dieselbe Pause in der Mitte. Stille.
Die einfachste Erklärung liegt nahe: Sabine "hat es" eben und Lukas nicht. Spielen Sie diesen Freitag aber langsamer ab, sehen Sie etwas anderes. Sabine hat ihren Satz nicht ins Leere gesagt. Sie hat an etwas angeknüpft, das zwei Minuten vorher jemand anders gesagt hatte, sie saß mit Leuten am Tisch, die seit einem Jahr zusammen Mittag essen, und sie sprach über eine Situation, die alle gerade miterlebten. Lukas hat davon den einzigen transportierbaren Teil mitgenommen, nämlich die Worte. Und die sind an einem Witz das Unwichtigste.
Was unterwegs verloren geht
Ein Witz ist kein Text, sondern ein Ereignis. Zusammengehalten wird er von mehreren Dingen zugleich: davon, was kurz vorher gefallen ist, wer spricht und wie die anderen ihn einordnen, vom Tempo des Gesprächs und von der Stimmung der Umstehenden. Ein geliehener Spruch transportiert davon einen Bestandteil und muss beim Rest hoffen, dass er sich von selbst ergänzt.
Am meisten geht beim Timing verloren. Sabines Satz fiel in dem Moment, in dem das Gespräch stockte und alle warteten, wer es weiterschiebt. Lukas hat ihn mitten in eine laufende Budgetdebatte hineingeworfen, wo ihn niemand brauchte und vor allem kein Platz für ihn war. Gleicher Inhalt, anderes Loch.
Der zweite Verlust ist leiser. Bei Sabine ahnt der Tisch vorher, dass eine Bemerkung kommen könnte, hört also anders zu und erledigt einen Teil der Arbeit selbst. Lukas kennen alle als den Mann, der über Zahlen redet. Wenn aus ihm plötzlich eine Pointe fällt, schalten die ersten Leute noch um, und bis sie umgeschaltet haben, ist sie vorbei.
Dazu kommt die gemeinsame Geschichte. Jede Truppe, die Zeit miteinander verbringt, züchtet sich binnen weniger Monate einen eigenen Vorrat an Anspielungen heran: ein misslungener Teamtag, ein Satz aus der Geschäftsführung, der Name des Druckers. Ein Spruch, der darauf aufbaut, ist innerhalb der Gruppe unwiderstehlich und außerhalb unverständlich. Ihn zu leihen ist, als würde man den Schlüssel zu einer fremden Wohnung leihen.
Das meiste Lachen gehört keinem Witz
Robert Provine hat mit seinem Team jahrelang mitgehört, wo genau Menschen lachen, und in einem Buch von 2000 zwei Befunde zusammengefasst, die das Bild verschieben. Lachen ist in Gesellschaft etwa dreißigmal wahrscheinlicher als allein. Und das meiste Lachen folgt überhaupt keinem Witz, sondern einem völlig gewöhnlichen Satz vom Typ "ich muss dann mal los" oder "wo warst du denn?".
Lachen ist also zum größeren Teil ein soziales Signal und erst in zweiter Linie eine Bewertung komischer Leistung. Menschen lachen vor allem, weil sie beisammen sind und einander verstehen. Wer das unterschätzt, versucht eine Disziplin zu gewinnen, in der kaum jemand antritt.
Für jeden, der witziger sein möchte, folgt daraus ein unerwarteter Schluss. Der größere Teil der Arbeit liegt nicht in dem, was Sie sagen, sondern darin, ob Sie überhaupt dabei sind. Wer auf einer Feier eine Stunde schweigt und dann eine gut gebaute Pointe fallen lässt, hat gegenüber jemandem, der den Abend über nichts plaudert, die schlechtere Ausgangslage.
Praktisch ergibt sich daraus ein Rat, der fast nach Schummeln klingt. Der schnellste Weg, als witziger Mensch wahrgenommen zu werden, führt nicht über bessere Sprüche, sondern über besseres Publikum. Wer über die Pointe der anderen richtig und vor allem rechtzeitig lacht, bekommt von der Runde Platz für die eigene. Wer fremde Witze mit eigenen übertönt, verliert diesen Platz nach und nach, selbst wenn seine objektiv besser sind.
Witzig sein ist zu großen Teilen eine Fertigkeit
Jetzt die bessere Nachricht. Gil Greengross und Geoffrey Miller haben 2011 rund vierhundert Studierenden die Aufgabe gestellt, witzige Antworten und Bildunterschriften zu erfinden, und ließen sie unabhängig bewerten. Die Fähigkeit, witzige Antworten zu produzieren, hing mit allgemeiner und verbaler Intelligenz zusammen.
Das heißt nicht, dass witzige Menschen klug sind und alle anderen Pech haben. Es heißt etwas Praktischeres: Humor herzustellen ist eine kognitive Operation. Sie hat Eingänge, Schritte und ein Ergebnis, sie lässt sich schnell oder langsam erledigen, besser oder schlechter. Und was Schritte hat, lässt sich üben, auch wenn es von außen wie ein Aufblitzen aus dem Nichts aussieht.
Der ehrliche Nachsatz gehört dazu. Durch Übung wird niemand zum Berufskomiker, und die Unterschiede zwischen Menschen bleiben bestehen. Nach vorn bewegen lässt sich trotzdem viel, weil die meisten nicht einmal die einfachsten Dinge ausprobiert haben und gleich aufgeben mit dem Hinweis, Humor sei eine Gabe.
Drei Dinge, die sich üben lassen
Aufmerksamkeit für die Absurdität des Alltags
Witzige Menschen erfinden nicht mehr als andere, sie bemerken mehr. Absurdität liegt in einer Dichte um uns herum verstreut, die ein normaler Tag nicht erfassen kann. Im Besprechungsraum hängt seit dem Frühjahr ein Plakat über offene Kommunikation, darunter der Plan, wer den Raum reservieren darf. Das ist fertiges Material, man muss es nur sehen.
Die Übung ist langweilig und sie wirkt. Notieren Sie eine Woche lang jeden Abend eine Sache, die nicht zusammenpasste. Keinen Witz, nur eine Beobachtung. Nach ein paar Tagen merken Sie, dass die kleine Unstimmigkeit sich von selbst meldet, während sie passiert, und genau dann lässt sich laut etwas daraus machen.
Die Pause vor der Pointe
Ein Anfänger schüttet die Pointe aus, weil er fürchtet, dass ihm jemand hineinspringt. Ein erfahrener Erzähler legt eine halbe Sekunde Stille davor. Diese Pause tut zwei Dinge auf einmal: Sie gibt dem Zuhörer Zeit, einen Schritt weiter selbst zu kommen, sodass sein eigener Kopf die Hälfte der Arbeit erledigt, und sie zeigt, dass der Sprecher die Lage im Griff hat.
Aus derselben Logik stammt der häufigste Fehler. Wer noch vor der Pointe zu lachen beginnt oder sie mit dem Satz ankündigt, dass jetzt etwas Gutes kommt, legt sich die Latte selbst höher und geht dann darunter durch. Die besten Bemerkungen werden in einem Ton gesagt, als passiere nichts Besonderes.
Mit der Pause hängt auch die Länge zusammen. Die meisten misslungenen Anekdoten scheitern nicht an einer schlechten Pointe, sondern daran, dass der Weg dorthin dreißig Sekunden zu lang war. Ausprobieren lässt sich das leicht: Nehmen Sie eine Geschichte, die Sie oft erzählen, und lassen Sie beim nächsten Mal alle erklärenden Einschübe weg. Heraus kommt eine kürzere Fassung, bei der mehr gelacht wird, weil das letzte Wort des Satzes endlich das ist, auf das es ankommt.
Der Callback
Die billigste Technik von allen, und fast niemand setzt sie bewusst ein. Callback heißt, zu etwas zurückzukehren, das vorher gefallen ist, gern vor einer halben Stunde, und es in einem völlig anderen Zusammenhang noch einmal zu verwenden.
Zu Beginn der Besprechung hat sich jemand beschwert, dass der Beamer seit einem Monat ins Rosa spielt. Vierzig Minuten später wird das neue Erscheinungsbild abgesegnet, und Lukas merkt nur an, die Farbe bestimme sowieso der Beamer. Für sich genommen ist das keine Pointe. Es funktioniert, weil es sagt "ich war die ganze Zeit mit euch hier", und genau das ist das soziale Signal, über das Provine geschrieben hat.
Der Callback hat noch einen Vorteil. Er verlangt kein neues Material, er arbeitet mit dem Rohstoff, den das Publikum geliefert hat. Für jemanden, der von sich denkt, ihm falle nichts ein, ist es der leichteste Weg, sich in den Humor im Raum einzuklinken.
Was zu trainieren dagegen sinnlos ist
Es gibt drei Sackgassen, in die fast jeder gerät, der beschließt, witziger zu werden. Alle sehen auf den ersten Blick vernünftig aus und alle führen zum selben Ergebnis, dass man es nach ein paar Versuchen ganz sein lässt.
| Sackgasse | Warum es nach einer guten Idee aussieht | Was passiert |
|---|---|---|
| Fremde Sprüche | Der Spruch hat nachweislich funktioniert, warum ihn nicht noch einmal verwenden. | Ihm fehlen Kontext, Sprecher und Timing. Im besseren Fall Stille, im schlechteren das Gefühl, dass jemand sich mit fremden Federn schmückt. |
| Humor gegen das Publikum | Die Reaktion kommt sofort und ist laut, das wirkt wie ein Erfolg. | Lachen auf Kosten einer Person hebt die Spannung in der ganzen Gruppe. Die anderen rechnen sich aus, dass sie als Nächste dran sein könnten, und fangen an, sich zu beobachten. |
| Witz um jeden Preis | Wer zehn Sprüche loslässt, trifft wenigstens einmal. | Neun missglückte Versuche ermüden die Runde, bevor der zehnte kommt. Außerdem verschwindet die Fähigkeit, ernst zu reden, wenn es nötig ist. |
Beim mittleren Punkt lohnt sich ein Halt, denn er lässt sich leicht als Moralpredigt lesen. Scharfer Humor ist kein Charakterfehler, und unter Menschen, die einander vertrauen, wirkt Sticheln als Zeichen von Nähe. Den Unterschied macht nicht die Absicht, sondern wie sicher sich der andere gerade fühlt. Die scharfe Lage als Technik zu leihen, ohne das nötige Vertrauen, ist der schnellste Weg in Schwierigkeiten.
In dieselbe Kategorie gehört noch ein Reflex: einen Witz retten zu wollen, der nicht angekommen ist. Die Pointe zu erklären repariert sie nie, es verlängert nur den unangenehmen Augenblick und legt zum Misserfolg noch Verlegenheit obendrauf. Ein misslungener Spruch, nach dem einfach weitergeredet wird, verschwindet in zwei Sekunden. Derselbe Spruch, gefolgt vom Satz "das war darauf bezogen, wie gestern…", hält sich im Raum bis zum Ende der Sitzung.
Vielleicht sind Sie nicht humorlos, sondern spielen eine fremde Lage
Hier kommen wir zu dem, was am häufigsten übersehen wird. Die meisten Menschen, die von sich behaupten, sie seien nicht witzig, meinen eine einzige Situation: Sie bekommen den Tisch nicht unterhalten. Den Tisch zu unterhalten ist aber nur eine von vier Grundlagen des Humors, und zufällig gerade die sichtbarste.
Die Forschung von Rod Martin aus dem Jahr 2003 hat Humor nach zwei unabhängigen Achsen aufgeteilt, nach dem Ton und danach, wohin der Witz zielt. Daraus entstehen vier Lagen: der verbindende Humor, der eine Truppe zusammenführt, der selbststärkende Abstand, mit dem man sich im eigenen Kopf hilft, der scharfe Humor mit Kante und die selbstironische Lage, in der der Erzähler das Ziel ist. Niemand ist nur eine davon, es geht eher um eine Mischung und darum, welche Lage jemand eingeübt hat. Ausführlicher nimmt die Einteilung die Übersicht über die vier Humorstile auseinander.
Ein introvertierter Mensch, der den Freund kopieren will, der die ganze Kneipe unterhält, kämpft also meist nicht mit einem Mangel an Humor. Er kämpft damit, dass er eine fremde Lage spielt. Sein eigenes Register kann eine trockene Bemerkung unter vier Augen sein, an der sich der andere am nächsten Tag noch freut, oder die Fähigkeit, aus dem eigenen Missgeschick eine Geschichte zu machen. Am vollen Tisch wird das nie funktionieren, und es muss auch nicht.
Eine Rolle spielt außerdem die Zahl der Anwesenden. Humor für sechs am Tisch braucht Stimme, Tempo und den Mut, in ein laufendes Gespräch hineinzusteigen. Humor für zwei braucht das Gegenteil, nämlich Aufmerksamkeit für Details und die Fähigkeit zu warten. Das sind so unterschiedliche Disziplinen, dass jemand in der einen ausgezeichnet und in der anderen unterdurchschnittlich sein kann, ohne dass es etwas über ihn aussagt. Die meisten Selbsteinschätzungen der Art "ich bin nicht witzig" entstehen dabei ausschließlich in der ersten Situation.
Fragen Sie sich ehrlich: Wann haben Sie zuletzt jemanden zum Lachen gebracht, ohne es zu versuchen? Nicht auf einer Feier, sondern im Auto, beim Abendessen oder im Arbeitschat. Diese Situation sagt über Ihr Register mehr aus als alle Feiern, auf denen Sie sich unsichtbar gefühlt haben. Den Zusammenhängen zwischen Wesensart und dem, worüber wer lacht, widmet sich ein eigener Text darüber, was der Sinn für Humor verrät.
Wenn Sie wissen möchten, welche der vier Lagen bei Ihnen eingeübt ist und welche brachliegt, gibt Ihnen der Humorstil-Test eine Orientierung. Nehmen Sie das Ergebnis als Ausgangspunkt zum Beobachten, nicht als Etikett. Eine eingeübte Lage ist eine Gewohnheit, kein Urteilsspruch, und mit Gewohnheiten lässt sich arbeiten.
Was drei Wochen später geschah
Das Register zu erweitern ist etwas anderes, als sich zu einem anderen Menschen umzuerziehen. Es heißt, eine Lage zu denen hinzuzufügen, die bereits funktionieren, und die übrigen in Ruhe zu lassen. Wer die trockene Bemerkung beherrscht, kann den Callback probieren. Wer gewohnt ist, sich selbst herunterzuziehen, kann ab und zu das Ziel leer lassen und die Absurdität ringsum bemerken.
Lukas hat aufgehört, fremde Sprüche zu wiederholen. Stattdessen schrieb er drei Wochen lang seine eigenen kleinen Beobachtungen in die Notizen auf dem Handy und tat nichts damit. In einer Novemberbesprechung sagte er dann, als zum dritten Mal die Frage umging, wer die Unterlagen liefert, einen Satz darüber, dass die Unterlagen offenbar eigene Kernarbeitszeiten haben. Zwei Leute lachten, einer schrieb es sich auf, und die Besprechung lief weiter.
Interessanter ist, was danach kam. Als Sabine ihn nachmittags fragte, was er gesagt habe, konnte er es nicht wiederholen. Dieser Satz gehörte jenem Mittwoch, jener dritten Verhandlungsrunde und jenen zwei Leuten, und woandershin ließ er sich nicht tragen.

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