James Flynn, ein neuseeländischer Politikwissenschaftler, bemerkte in den 1980er Jahren etwas Merkwürdiges. Die IQ-Werte stiegen mit jeder Generation, und zwar um rund 3 Punkte pro Jahrzehnt. Über ein Jahrhundert verschob sich der Durchschnitt der Bevölkerung um 30 Punkte. Würden Ihre Großeltern einen modernen IQ-Test ohne angepasste Normen schreiben, lägen die meisten von ihnen im unterdurchschnittlichen Bereich. Heißt das, wir sind klüger als sie?
Die Antwort ist komplizierter, als sie scheint. Und sie verrät viel darüber, ob sich der IQ überhaupt steigern lässt.
Was der IQ misst (und was nicht)
Der IQ-Test wurde nicht entwickelt, um "Klugheit" zu messen. Alfred Binet schuf ihn 1905 für die Pariser Schulen, um Kinder zu erkennen, die zusätzliche Unterstützung brauchten. Er war ein praktisches Werkzeug, kein Urteil über den Verstand.
Moderne IQ-Tests erfassen ein Bündel kognitiver Fähigkeiten: logisches Schließen, Mustererkennung, Arbeitsgedächtnis, Verarbeitungsgeschwindigkeit, räumliches Vorstellungsvermögen. Das Ergebnis ist immer relativ. Ein Wert von 100 bedeutet, dass Sie genau im Durchschnitt Ihrer Altersgruppe liegen. Nicht mehr und nicht weniger.
Was der IQ nicht misst? Kreativität, praktische Problemlösung, soziale Intelligenz, Motivation, Ausdauer. Ein Mensch mit einem IQ von 125, der nie etwas zu Ende bringt, wird im Leben wahrscheinlich weniger erreichen als jemand mit einem IQ von 105, der hartnäckig ist und gut mit Menschen kann.
Bei der Frage "kann man den IQ steigern" ist deshalb zuerst zu klären: Reden wir über eine Zahl auf einem Testblatt oder über die tatsächliche Fähigkeit, besser zu denken?
Fluide und kristalline Intelligenz
Der Psychologe Raymond Cattell führte 1963 eine Unterscheidung ein, die für dieses Thema im Zentrum steht. Er beschrieb zwei Arten von Intelligenz:
Fluide Intelligenz (Gf) ist die Fähigkeit, neuartige Probleme ohne Vorerfahrung zu lösen. Sie sehen ein Muster, das Ihnen noch nie begegnet ist, und müssen die dahinterliegende Logik herausfinden. Diese Fähigkeit erreicht ihren Höhepunkt um das 25. Lebensjahr und nimmt danach allmählich ab. Sie hängt eng mit der Biologie des Gehirns zusammen.
Kristalline Intelligenz (Gc) besteht aus angesammeltem Wissen und Können. Wortschatz, Fachwissen, Lebenserfahrung. Sie wächst mit dem Alter und nimmt bei gesunden Menschen bis ins hohe Alter kaum ab.
Warum ist das wichtig? Weil die meisten Versprechen zur "IQ-Steigerung" frontal gegen die Mauer der fluiden Intelligenz laufen. Die lässt sich dauerhaft nur äußerst schwer verschieben. Kristalline Intelligenz bauen Sie Ihr Leben lang auf, indem Sie lernen und Erfahrung sammeln, doch das meinen die meisten Menschen nicht, wenn sie vom Steigern des IQ sprechen.
Der Flynn-Effekt: Wie ganze Bevölkerungen besser abschneiden
Zurück zu James Flynn. Der Anstieg um 3 Punkte pro Jahrzehnt ist real und in Dutzenden Ländern bestätigt. Flynn selbst warnte allerdings vor allzu einfachen Deutungen. Er nahm nicht an, dass Menschen biologisch klüger geworden wären. Verändert hat sich eher die Umwelt: bessere Ernährung, weniger Kinderkrankheiten, mehr Schuljahre, eine komplexere Welt, die abstraktes Denken verlangt.
Spannend ist, dass sich der Flynn-Effekt in einigen entwickelten Ländern verlangsamt und in wenigen Fällen sogar umgekehrt hat. Eine norwegische Studie von Bratsberg und Rogeberg (2018), gestützt auf Daten von 730.000 Wehrpflichtigen, zeigte sinkende IQ-Werte bei den nach 1975 geborenen Jahrgängen. Die Ursachen sind unklar, die Forschung spekuliert über Veränderungen im Bildungssystem, in den Mediengewohnheiten und in Umweltfaktoren.
Was sagt der Flynn-Effekt über individuelle Verbesserung? Vor allem, dass die Umwelt eine große Rolle spielt. Die Genetik steckt die Grenzen Ihres kognitiven Potenzials ab, wo Sie innerhalb dieser Grenzen landen, hängt von den Bedingungen ab. Fachleute schätzen die Erblichkeit des IQ bei Erwachsenen auf etwa 50 bis 80 % (Plomin und Deary, 2015). Der Rest ist Umwelt.
Gehirntraining: Funktioniert es oder nicht?
Um 2010 herum explodierte die Beliebtheit von Apps zum Gehirntraining. Lumosity, Elevate, Peak. Millionen Nutzer, Bewertungen in Milliardenhöhe und ein Versprechen: 15 Minuten täglich spielen und der IQ steigt.
Die Wirklichkeit ist ernüchternder. 2016 veröffentlichte ein Team um Daniel Simons eine umfassende Metaanalyse in Psychological Science in the Public Interest. Das Fazit? Wer Gehirntrainingsspiele übt, wird in genau diesen Spielen besser. Der Zugewinn überträgt sich aber nicht auf andere kognitive Aufgaben. Sie werden besser im Dual-n-Back, lösen Ihre Arbeitsprobleme deshalb aber nicht schneller.
Fachleute nennen das Problem "far transfer", also den Übertrag einer Fähigkeit vom Trainingskontext in die reale Welt. Genau diesen Nachweis bleiben kommerzielle Gehirntrainingsprogramme durchgehend schuldig. Die US-Handelsaufsicht FTC verhängte 2016 sogar eine Strafe gegen Lumosity wegen irreführender Werbung.
Eine mögliche Ausnahme ist das Arbeitsgedächtnis. Einige Studien (Jaeggi et al., 2008) legten nahe, dass intensives Training des Arbeitsgedächtnisses die fluide Intelligenz kurzfristig erhöhen könnte. Spätere Replikationsversuche brachten allerdings gemischte Ergebnisse. Der bisherige wissenschaftliche Konsens: Erwarten Sie keine Wunder.
Was der kognitiven Leistung tatsächlich hilft
Nichts von dem Folgenden bringt Ihnen 20 IQ-Punkte. Jeder einzelne Punkt wirkt sich aber messbar darauf aus, wie gut Ihr Gehirn arbeitet. Zusammengenommen kann der Unterschied deutlich sein.
Ausdauersport
Das ist vermutlich das Wirksamste, was Sie für Ihr Gehirn tun können. Eine Metaanalyse von Colcombe und Kramer (2003) zeigte, dass aerobe Bewegung die exekutiven Funktionen verbessert, also Planung, Aufmerksamkeitswechsel und Impulskontrolle. Eine Studie an älteren Erwachsenen (Erickson et al., 2011) fand, dass regelmäßiges Gehen das Volumen des Hippocampus vergrößerte, jener Struktur, die mit Gedächtnis und Lernen verknüpft ist.
Sie müssen keinen Marathon laufen. Fünfmal pro Woche dreißig Minuten zügiges Gehen genügen. Messbar wird der Effekt nach etwa einem halben Jahr.
Schlaf
Eine einzige schlaflose Nacht senkt die kognitive Leistung auf ein Niveau, das leichter Trunkenheit entspricht. Untersuchungen von Williamson und Feyer (2000) zeigten, dass 17 Stunden ohne Schlaf einem Blutalkoholwert von 0,05 % entsprechen. Chronischer Schlafmangel unter 6 Stunden pro Nacht ist noch tückischer, weil Sie sich daran gewöhnen und nicht mehr merken, wie sehr er Sie bremst.
Im Schlaf festigt das Gehirn Gedächtnisspuren und räumt Stoffwechselabfälle weg. Er ist wahrscheinlich der am stärksten unterschätzte Faktor kognitiver Leistung. Wie viele Stunden schlafen Sie? Und wie viel davon ist wirklich guter Schlaf?
Neue Fähigkeiten lernen
Nicht wiederholen, was Sie schon können. Neues muss es sein: ein Instrument, eine Fremdsprache, Programmieren, Schach. Eine Studie der University of Edinburgh (Bak et al., 2014) fand, dass das Erlernen einer zweiten Sprache das kognitive Altern verlangsamt, selbst wenn Sie erst im Erwachsenenalter damit beginnen.
Der Schlüssel liegt in diesem frustrierenden Gefühl von "das kann ich nicht". Es ist das Signal, dass Ihr Gehirn neue Verbindungen baut. Sobald eine Tätigkeit zur Routine wird, sinkt ihr kognitiver Nutzen.
Ernährung
Ihr Gehirn verbraucht rund 20 % der gesamten Körperenergie, obwohl es nur 2 % des Körpergewichts ausmacht. Die Nährstoffzufuhr wirkt sich also direkt aus. Omega-3-Fettsäuren (Fisch, Nüsse), Antioxidantien (Obst, Gemüse) sowie ausreichend Eisen und Vitamin B12 bilden die Grundlage. Die Mittelmeerküche wurde in mehreren Studien mit langsamerem kognitivem Abbau im Alter in Verbindung gebracht.
Umgekehrt macht Sie kein einzelnes "Superfood" klüger. Nahrungsergänzungsmittel, die als "Nootropika" vermarktet werden, zeigen bei gesunden Menschen meist minimale oder gar keine belegte Wirkung.
Die richtige Frage lautet nicht "wie steigere ich meinen IQ"
Stellen Sie sich jemanden vor, der 5 Stunden pro Nacht schläft, sich nicht bewegt, überwiegend Fertigprodukte isst und dessen geistige Hauptbeschäftigung das Scrollen in sozialen Netzwerken ist. Und nun stellen Sie sich dieselbe Person vor mit 7 bis 8 Stunden Schlaf, regelmäßiger Bewegung, ausgewogener Ernährung und Abenden, an denen sie liest oder Spanisch lernt.
Der IQ-Wert dieser Person verschiebt sich vielleicht um ein paar Punkte. Vielleicht auch nicht. Ihre reale Fähigkeit zu denken, Probleme zu lösen, sich zu konzentrieren und zu lernen, wird jedoch unvergleichlich besser sein. Und darauf kommt es an.
Forschung zur kognitiven Reserve (Stern, 2009) zeigt, dass Menschen mit reicherem geistigem Leben, also mehr Bildung, komplexerer Arbeit und aktivem Sozialleben, ihre kognitiven Funktionen länger bewahren, selbst wenn ihr Gehirn dieselben biologischen Alterungszeichen aufweist. Es geht nicht um IQ-Punkte. Es geht darum, wie wirksam Sie Ihr Gehirn nutzen.
Wenn Sie neugierig sind, wo Sie derzeit in den einzelnen kognitiven Bereichen stehen, also bei logischem Schließen, Mustererkennung und sprachlichen Fähigkeiten, probieren Sie unseren IQ-Test. Er zeigt Ihnen nicht nur einen Gesamtwert, sondern auch die Stärken und die schwächeren Stellen Ihres Denkens. Genau zu wissen, wo Luft nach oben ist, ist der erste Schritt zur Veränderung.

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