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Beziehungen und Kommunikation

Gewaltfreie Kommunikation: vier Schritte mit Beispielen

Wie Rosenbergs vier Schritte aus einem Vorwurf eine Bitte machen: Beobachtung, Gefühl, Bedürfnis, Bitte, mit Beispielen vorher und nachher.

"Du räumst nie auf." Der Satz dauert zwei Sekunden und bringt zuverlässig einen zwanzigminütigen Streit in Gang. Thomas hört darin keine Bitte um Hilfe, sondern ein Urteil über seinen Charakter, und fängt an aufzuzählen, was er alles im Haushalt macht und was Anna nicht macht.

Über das Geschirr in der Spüle fällt danach kein Wort mehr. Interessanter als der Streit selbst ist genau diese Verschiebung: Ein verallgemeinernder Satz genügt, und das Thema springt von der konkreten Situation zu der Frage, wer hier der schlechtere Mensch ist.

Warum gewöhnliche Kritik die Verteidigung auslöst

Ein Vorwurf ist fast immer gleich gebaut. Er enthält eine Diagnose des anderen ("du bist faul", "dich interessiert das nicht") und einen Mengenbegriff, den nur ein Gegenbeispiel widerlegt ("nie", "immer", "ständig"). Wer so etwas hört, bekommt zugleich eine Anklage und eine Einladung, seine Unschuld zu beweisen.

Der Ausgang ist meist einer von dreien. Ein Gegenangriff, bei dem der andere seine eigene Liste von Kränkungen hervorholt. Ein Rückzug zum Schein, nach dem stiller Ärger bleibt und eine Erinnerung für das nächste Mal. Oder Schweigen, das wie Ruhe aussieht, in Wahrheit aber dieselbe Szene nur um eine Woche verschiebt.

Thomas verhält sich dabei nicht irrational. Er reagiert auf das, was tatsächlich gesagt wurde: nicht auf den Mülleimer, sondern auf eine Behauptung darüber, wie er ist. Die Verteidigung gegen ein Etikett geht der Logistik des Haushalts vor, weil eine Bedrohung des eigenen Bildes dringlicher wirkt als Geschirr.

Damit erklärt sich, warum Ratschläge nach dem Muster "redet mehr miteinander" oft nicht greifen. Die Menge der Worte ist nicht das Problem. Das Problem ist die Form, in der die Information ankommt, denn sie entscheidet, ob der andere sich an Ihr Bedürfnis erinnert oder an seine Rechtfertigung.

Was Gewaltfreie Kommunikation ist

Das Vorgehen, das diese Form verändert, hat der amerikanische Psychologe Marshall Rosenberg in den sechziger und siebziger Jahren ausgearbeitet. Es heißt Gewaltfreie Kommunikation, kurz GFK, im Englischen NVC nach nonviolent communication. Rosenbergs Buch erschien 1999, auf Deutsch ist es als Gewaltfreie Kommunikation. Eine Sprache des Lebens bekannt.

Das Wort "gewaltfrei" meint hier nicht bloß die Abwesenheit von Geschrei, sondern etwas Feineres: Alltagssprache steckt voller versteckter Anschuldigungen, Bewertungen und Druck, auch wenn wir sie ruhig aussprechen. "Ich hätte dich für vernünftiger gehalten" lässt sich flüstern und wirkt trotzdem wie ein Schlag.

Den Kern des Ansatzes bilden vier Schritte, die Tatsachen von Deutung und Wünsche von Druck trennen sollen. Beobachtung, Gefühl, Bedürfnis, Bitte. In der Praxis entsteht daraus ein zusammenhängender Satz oder ein kurzer Absatz, kein Formular.

Die vier Schritte der GFK an Beispielen

1. Beobachtung statt Bewertung

Der erste Schritt beschreibt, was passiert ist, so wie eine Kamera es aufgezeichnet hätte: ohne Adjektive über den Charakter des anderen, ohne "schon wieder", ohne Vermutungen über seine Absichten. Eine Kamera sieht keine Faulheit, sie sieht Geschirr.

VORHER: "Schon wieder hast du es an mir hängen lassen, du kriegst einfach nichts geregelt."

NACHHER: "In der Spüle steht Geschirr von drei Mahlzeiten, seit dem Mittagessen gestern."

Der Unterschied wirkt kosmetisch, ändert aber die Aufgabe des Gesprächs. Über die erste Aussage lässt sich endlos streiten, weil sie den Charakter von Thomas betrifft. Die zweite ist überprüfbar, und niemand muss sie widerlegen.

2. Gefühl statt Anschuldigung

Der zweite Schritt benennt, wie es Ihnen in dieser Situation geht. Es geht nicht um Wirkung und nicht um Druck, sondern um eine Information, die der andere von sich aus nicht hat. Ihre Müdigkeit lässt sich von seiner Seite des Tisches nicht ablesen.

VORHER: "Ich komme mir hier vor wie das Dienstmädchen."

NACHHER: "Nach diesem Tag bin ich müde und ärgerlich."

Der erste Satz klingt nach einem Gefühl, enthält aber ein Bild der Beziehung, in dem Thomas die Rolle dessen bekommt, der sich ein Dienstmädchen hält. Der zweite Satz spricht nur über Anna. Genau deshalb lässt sich mit ihm nicht diskutieren.

3. Bedürfnis statt Strategie

Der dritte Schritt sagt, worum es Ihnen wirklich geht. Bedürfnisse sind allgemein und allen Menschen gemeinsam: Erholung, Sicherheit, Anteil an einer gemeinsamen Sache, Anerkennung, Ruhe. Der konkrete Weg, sie zu erfüllen, ist erst die Strategie, und Strategien gibt es meist mehr als eine.

VORHER: "Ich brauche, dass du endlich anfängst, dich wie ein Erwachsener zu benehmen."

NACHHER: "Ich brauche nach dem Abendessen das Gefühl, dass ich mit dem Haushalt nicht allein bin."

Wer bei der Strategie bleibt, hat nur eine Lösung übrig und drückt sie dem anderen auf. Wer das Bedürfnis benennt, öffnet Raum für einen Vorschlag, auf den Sie nicht gekommen wären. Manchmal ist das eine Spülmaschine, manchmal eine andere Aufteilung der Abende.

4. Bitte statt Forderung

Der vierte Schritt übersetzt das Bedürfnis in etwas Machbares. Eine gute Bitte ist konkret, betrifft die Gegenwart und sagt, was Sie wollen, nicht, was der andere unterlassen soll. "Sei nett zu mir" kann niemand erfüllen.

VORHER: "Dann spül es gefälligst, wenn ich es schon wieder sagen musste."

NACHHER: "Spülst du das heute Abend bis neun? Und wenn du es nicht schaffst, sagst du mir Bescheid?"

Zusammen klingt der Satz von Anna dann ungefähr so: "In der Spüle steht seit gestern Geschirr von drei Mahlzeiten. Ich bin müde und brauche das Gefühl, dass ich damit nicht allein bin. Spülst du es heute bis neun?" Ja, das ist länger als "du räumst nie auf". Dafür führt es zu einem Gespräch über Geschirr.

Der häufigste Fehler: "Ich habe das Gefühl, dass" ist meistens kein Gefühl

Hier scheitern die meisten Versuche. Der Satz "ich habe das Gefühl, dass du mich ignorierst" sieht aus wie die Mitteilung einer Emotion, ist aber eine Deutung fremden Verhaltens, also ein Vorwurf mit weicherer Verpackung. Das tatsächliche Gefühl darunter lautet "ich bin traurig" oder "ich habe Angst".

Dafür gibt es einen einfachen grammatischen Test. Folgt auf "fühlen" ein "dass", ein "wie" oder der Name des anderen, dann ist es kein Gefühl, sondern ein Gedanke. Ein Gefühl lässt sich mit einem Wort ausdrücken, und niemand sonst kommt darin vor.

Was wir sagen Was darin versteckt ist Das echte Gefühl darunter
"Ich habe das Gefühl, dass du mich ignorierst." Eine Behauptung über das Verhalten von Thomas Traurigkeit, Einsamkeit
"Ich fühle mich nicht wertgeschätzt." Eine Bewertung dessen, wie der andere Sie behandelt Enttäuschung, Müdigkeit
"Ich habe das Gefühl, du nimmst mich nicht ernst." Eine Vermutung über eine fremde Absicht Wut, Unsicherheit
"Ich fühle mich wie das fünfte Rad am Wagen." Ein Bild der Beziehung, keine Emotion Scham, Traurigkeit

Wann haben Sie zuletzt Ihr Gefühl mit einem Wort benannt, in dem niemand anderes vorkam? Bei den meisten von uns ist der Wortschatz für Emotionen erstaunlich dünn, während uns Deutungen fremden Verhaltens ohne Vorbereitung von der Hand gehen. Das Training beginnt bei fünf, sechs Wörtern: Wut, Trauer, Angst, Müdigkeit, Erleichterung.

Eine Bitte hält ein Nein aus, eine Forderung nicht

Den Unterschied zwischen Bitte und Forderung erkennen Sie nicht an der Formulierung, sondern daran, was Sie tun, wenn der andere ablehnt. Kommt Gereiztheit, ein Vorwurf oder kühles Schweigen für den Rest des Abends? Dann war es eine Forderung, auch wenn sie mit "wärst du so lieb" begonnen hat.

Tückisch ist, dass die andere Seite eine als Bitte verkleidete Forderung meist früher bemerkt als Sie selbst. Verraten wird sie vom Ton, vom Zeitpunkt und vor allem von der Vorgeschichte: Wenn die letzte Ablehnung einen kühlen Abend gekostet hat, hört Thomas auch den höflichsten Satz als Pflicht. Sein Ja kommt dann aus Vorsicht und nicht aus Bereitschaft, und das ist Ware mit kurzer Haltbarkeit.

Das heißt nicht, dass Sie auf nichts bestehen dürften. Sicherheit, vereinbarte Verpflichtungen oder Grenzen, die sich für Sie nicht verschieben lassen, benennen Sie ruhig direkt als Bedingungen. Unfair ist nur die Situation, in der Sie eine Forderung als Bitte ausgeben und die Ablehnung danach bestrafen.

Wo Gewaltfreie Kommunikation an Grenzen stößt

Die Methode hat ihre Grenzen, und es lohnt sich, sie vorher zu kennen. Kritiker werfen ihr oft vor, die Schablone "wenn ich sehe..., fühle ich..., ich brauche..., bitte..." klinge roboterhaft, und sie haben recht bis zu dem Moment, in dem jemand sie verinnerlicht hat. Die ersten Versuche wirken wie das Vorlesen aus einer Bedienungsanleitung, weil man sich auf die Struktur statt auf den Inhalt konzentriert.

Die zweite Grenze wiegt schwerer. Gewaltfreie Kommunikation funktioniert nicht als Trick, mit dem Sie Ihren Willen durchsetzen. Benutzen Sie die vier Schritte als höfliche Verpackung für einen alten Vorwurf, merkt der andere das und reagiert auf das, was er darunter spürt. Voraussetzung ist echtes Interesse daran, was er braucht.

Und drittens: In einem laufenden Streit hält sich die Methode schlecht. Wenn Ihnen das Gesicht heiß wird und der Puls rast, hat das Gehirn keine Kapazität dafür, Beobachtung von Bewertung zu trennen. Vernünftiger ist es dann zu sagen, dass Sie eine Pause brauchen, und eine konkrete Zeit zu vereinbaren, zu der Sie das Thema wieder aufnehmen. Wo es um Sicherheit geht, besteht die Aufgabe nicht darin, die Bitte besser zu formulieren, sondern die Situation zu verlassen und Hilfe zu suchen.

Wie Sie mit einem Partner reden, der nie von GFK gehört hat

Die gute Nachricht: Beherrschen müssen es nicht beide. Der Einstieg in ein Gespräch verändert sich auch dann, wenn nur eine Seite ihn verändert, denn auf eine Beschreibung reagieren Menschen schlicht anders als auf ein Etikett. Es anzukündigen bringt allerdings nichts: Der Satz "ich probiere jetzt Gewaltfreie Kommunikation bei dir aus" erzeugt Misstrauen, bevor Sie die Beobachtung zu Ende gesprochen haben.

Benutzen Sie deshalb Ihre eigenen Worte und behalten Sie die Schritte als inneres Gerüst. Niemand erkennt, dass hinter dem Satz "das Geschirr steht seit gestern da und ich bin müde" eine Methode steht. Weitere konkrete Wege finden Sie im Text über Kommunikation in der Beziehung, der auch Situationen außerhalb eines Streits behandelt.

Eine Rolle spielt auch, wie Sie von Natur aus zu Konflikten stehen. Wer Konflikte eher umgeht, tut sich mit dem Schritt der Bitte schwer, weil er eine Ablehnung fürchtet. Wettbewerbsorientierte Naturen bringen die Bitte leicht heraus, ihnen rutscht dafür die Beobachtung Richtung Anschuldigung. Einen Überblick über die fünf Ansätze nach dem Dual-Concern-Modell von Blake und Mouton bietet der Artikel über Konfliktstile.

Wenn Sie wissen wollen, wo Sie selbst stehen, hilft unser Konfliktstil-Test weiter: 30 Fragen, rund vier Minuten, das Ergebnis sind ein primärer und ein sekundärer Stil sowie Ihre Position auf einer Karte aus Durchsetzung mal Entgegenkommen. Verstehen Sie ihn als Werkzeug zur Selbsterkenntnis, nicht als Diagnose Ihrer Beziehung.

Wie Sie im Kleinen anfangen

Es hat keinen Sinn, mit dem Thema anzufangen, das am meisten brennt. Eine neue Art zu sprechen an einer zehn Jahre alten Kränkung zu üben, ist wie Schwimmtraining im Wellengang. Suchen Sie sich täglich eine Kleinigkeit und gehen Sie daran alle vier Schritte durch, meinetwegen nur im Kopf.

  • schreiben Sie den Satz zuerst in die Notizen auf dem Handy und sprechen Sie ihn erst dann aus
  • prüfen Sie bei jedem Versuch nur eines: Ließe sich der erste Teil mit einer Kamera filmen?
  • probieren Sie die Schritte zuerst an etwas Angenehmem, etwa an einer Anerkennung für jemanden
  • wenn Ihnen der eigene Satz gestelzt klingt, formulieren Sie ihn in Ihre normale Sprache um und behalten die Struktur nur im Kopf
  • rechnen Sie damit, dass die ersten Versuche unbeholfen ausfallen, und machen Sie daraus kein Urteil über die Methode

Die schriftliche Form hat einen Vorteil mehr. Sie gibt Ihnen Zeit zu bemerken, dass in "ich fühle mich übergangen" gar kein Gefühl steckt, was beim Sprechen durchrutscht. Nach ein paar Tagen fällt es Ihnen auch live auf, meist eine Sekunde, nachdem der Satz Ihren Mund verlassen hat.

Anna und Thomas probieren es seit vierzehn Tagen. Geschirr in der Spüle taucht immer noch gelegentlich auf, und einmal haben sie sich sogar über den bestgebauten Satz gestritten. Verändert hat sich etwas anderes: Ihre Streits werden jetzt kürzer, weil es darin meistens um Geschirr geht und nicht darum, wer von beiden der schlechtere Mensch ist.

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