Julia öffnete ihr Ergebnis, suchte die höchste Zahl und überflog den Rest der Seite. Offenheit 81. „Passt“, nickte sie, schloss das Fenster und ging zurück an die Arbeit.
Einen Monat später saß sie im Bewerbungsgespräch und wurde gefragt, wie sie mit Fristen umgeht, wenn sich die Aufgabe unterwegs verändert. Sie erstarrte. Die Antwort stand seit vier Wochen in ihrem Ergebnis: Gewissenhaftigkeit 58, eine Zahl, die in dieser Situation mehr über sie verriet als die Einundachtzig ganz oben. Sie hatte ihr keine Sekunde gewidmet.
So lässt sich ein gutes Ergebnis falsch lesen. Als Rangliste, aus der man ein einziges Wort mitnimmt, statt als Karte mit sechs Koordinaten.
Wenn Sie Ihre Zahlen noch nicht haben, ist das in zehn Minuten erledigt. Unser HEXACO-Test hat 60 Fragen und berechnet alle sechs Faktoren sowie den dreibuchstabigen Code. Die folgenden Zeilen lesen Sie dann direkt über Ihrem eigenen Profil.
Was diese Prozentzahlen eigentlich bedeuten
Jeder der sechs Faktoren erhält eine Zahl zwischen 20 und 100. Die Spanne ist nicht willkürlich: Sie antworten auf einer fünfstufigen Skala, wer also bei allen Aussagen eines Faktors die stärkste Ablehnung wählt, landet bei zwanzig. Wer überall die stärkste Zustimmung wählt, bei hundert.
Daraus folgt etwas, das viele genau umgekehrt verstehen. Achtzig bei Extraversion heißt nicht, dass Sie extravertierter sind als achtzig Prozent der Bevölkerung. Die Zahl beschreibt, wie Sie selbst die Extraversionsaussagen beantwortet haben. Der Vergleich mit anderen bleibt deshalb immer orientierend, es handelt sich nicht um eine Messung gegen offizielle Normen.
Die Zahlen fallen anschließend in drei Bänder.
| Band | Bereich | Was auf Sie wahrscheinlich zutrifft |
|---|---|---|
| Hoch | 75 und mehr | Das Merkmal zeigt sich über Situationen hinweg, auch wenn Sie sich gerade dagegen stemmen |
| Mittel | 45 bis 74 | Das Verhalten schaltet je nach Kontext um, beide Stellungen stehen Ihnen zur Verfügung |
| Niedrig | unter 45 | Die Gegenposition kostet Sie weniger Energie und gilt als Ausgangslage |
Und nun das Unerwartete: informationsreicher ist meist das Band in der Mitte, nicht die Extremwerte. Ein hoher wie ein niedriger Wert sagt, was Sie fast immer tun, und das ließe sich auch ohne Test erraten. Das mittlere Band sagt „es kommt darauf an“, und die Frage, worauf genau es bei Ihnen ankommt, ist meist das Nützlichste, was Sie aus dem Ergebnis mitnehmen.
Verträglichkeit 62 macht aus Ihnen keinen halben Diplomaten. Gemeint ist gewöhnlich jemand, der nachgeben und ebenso hart auf seiner Position bestehen kann, und darüber entscheidet der Kontext: mit wem er spricht, worum es geht und wie viele Arbeitsstunden hinter ihm liegen. Was die einzelnen Buchstaben messen und warum das Modell mit sechs Faktoren statt mit fünf arbeitet, klärt der Text darüber, was HEXACO ist.
Der dreibuchstabige Code: Kürzel, kein Urteil
Über den sechs Zahlen erscheint ein Code aus drei Buchstaben, etwa HCX. Er entsteht ganz einfach: Alle sechs Faktoren werden nach Punktwert sortiert, und die ersten drei kommen in den Code. Die Reihenfolge der Buchstaben entspricht ihrer Höhe, HCX und CHX sind also nicht dasselbe. Beim ersten führt Ehrlichkeit, beim zweiten Gewissenhaftigkeit.
Der Code funktioniert wie eine Adresse für Ihr Profil. Sie behalten drei Buchstaben statt sechs Zahlen und wissen, welche Seiten von Ihnen nach außen am häufigsten sichtbar werden. Zum schnellen Teilen mit einer Kollegin oder zur eigenen Orientierung über die Jahre ist das praktisch.
Gleichzeitig bleibt viel außen vor. Der Code sagt nichts über die restlichen drei Faktoren, obwohl gerade die niedrigsten oft beschreiben, wo jeder Schritt Sie mehr Energie kostet als andere. Er verrät auch die Abstände nicht: Der Unterschied zwischen dem ersten und dem dritten Buchstaben kann fünf Punkte oder vierzig betragen, und der Code sieht gleich aus.
Wie viele Punkte trennen bei Ihnen den dritten Buchstaben von dem vierten Faktor, der es nicht mehr in den Code geschafft hat? Wenn es zwei Punkte sind, ist Ihr Kürzel zur Hälfte das Werk eines einzigen Nachmittags und der Stimmung, in der Sie den Test ausgefüllt haben. Dann schauen Sie besser auf alle sechs Werte.
Sechs Zahlen sind keine sechs Schubladen
Die Faktoren sind kontinuierliche Skalen, keine Kategorien. Zwischen einem Menschen mit 74 und einem mit 76 Punkten gibt es keinen Bruch, nur eine Bandgrenze, die irgendjemand ziehen musste. Würden Sie den Test in einer anderen Woche erneut ausfüllen, verschöben sich einige Zahlen um ein paar Punkte hin oder her, und eine oder zwei sprängen vielleicht ins Nachbarband.
Die zweite Sache ist die Situation. Das Profil beschreibt Ihre Ausgangslage, also das, wohin Sie rutschen, wenn Sie nicht über sich nachdenken. Es sagt nicht, was Sie leisten können, wenn es darauf ankommt. Ein introvertierter Mensch hält eine Präsentation vor hundert Leuten, es legt ihn abends nur mehr flach als den Kollegen mit hoher Extraversion.
Merkmale gehören zum Stabileren an einem Menschen, aber stabil heißt nicht eingefroren. Gewissenhaftigkeit steigt bei den meisten im Laufe des Erwachsenenlebens langsam an, Emotionalität bewegt sich nach großen Lebensbrüchen. Ein Ergebnis vom Frühjahr ist ein Foto, keine Geburtsurkunde.
Wo das Lesen des Ergebnisses am häufigsten kippt
Der häufigste Fehler ist der von Julia: nur die Spitze lesen. Der höchste Faktor ist oft genau der, von dem Sie längst wissen, weil das Umfeld Sie darauf anspricht. Die Überraschung liegt eher unten. Wer niedrige Gewissenhaftigkeit hat, muss nicht hören, dass er unsystematisch ist, sondern dass ihm jemand anderes oder ein Kalender das System bauen muss.
Der zweite Fehler ist, ein Band als Diagnose zu nehmen. Niedrige Emotionalität ist keine Kälte und keine „Gefühlsflachheit“, hohe ist keine Schwäche. Und niedrige Ehrlichkeit-Bescheidenheit macht aus niemandem einen Betrüger, sie beschreibt eher jemanden, der ohne Mühe eigene Interessen durchsetzt und über seine Erfolge laut spricht. Ein Persönlichkeitsfragebogen gehört nicht in die Praxis, und allein gehört er auch nicht als Ausschlusskriterium in ein Auswahlverfahren.
Stefan und Nina haben ihre Ergebnisse am Küchentisch verglichen und sich an der Extraversion festgebissen: sie 78, er 41. Siebenunddreißig Punkte Unterschied wirken auf dem Papier wie Unvereinbarkeit. Tatsächlich beschreiben sie eine einzige wiederkehrende Situation: Nach drei Stunden auf einer Feier lebt der eine auf und der andere zählt die Minuten bis zum Aufbruch. Der Punktvergleich mit dem Partner verleitet zur Suche nach dem Schuldigen, nützlich ist aber erst die konkrete Szene, an der der Unterschied aufbricht.
Der letzte Irrtum ist der leiseste. Zwei oder drei Punkte Differenz zwischen Faktoren werden als Reihenfolge gelesen, dabei gibt es dort keine Reihenfolge. Zwischen Offenheit 66 und Verträglichkeit 64 liegt nur Rauschen.
Was Sie nächste Woche damit anfangen
Nützlich wird ein Ergebnis in dem Moment, in dem Sie es in eine konkrete Situation übersetzen, die sich bei Ihnen wiederholt. Drei Stellen lohnen sich zuerst.
- Chef und Kollegen. Andreas hat Gewissenhaftigkeit 88 und einen Vorgesetzten, der Aufgaben im halben Satz verteilt. Er arbeitete nicht an der Beziehung, sondern bat sich zu jeder Aufgabe zwei Zeilen aus: was fertig sein soll und bis wann. Die Konflikte wurden weniger, ohne dass jemand seinen Charakter geändert hätte.
- Bei der Partnerin fangen Sie nicht mit einer Tabelle an. Wählen Sie den einen Faktor, in dem Sie sich am stärksten unterscheiden, und suchen Sie dazu eine Situation aus dem letzten Monat, die deswegen geknirscht hat. Eine Szene bringt mehr als eine Stunde Debatte über Zahlen.
- Bei der Jobwahl taugt das Profil nicht zur Berufsentscheidung, filtert aber die Arbeitsbedingungen gut. Hohe Emotionalität und niedrige Extraversion zusammen bedeuten nicht „kein Vertrieb“, eher „kein Vertrieb, in dem man acht Stunden am Tag Fremde im Großraumbüro anruft“.
Probieren Sie zwei Wochen lang eine Sache. Nehmen Sie einen Faktor, der bei Ihnen im mittleren Band gelandet ist, und notieren Sie jedes Mal, wenn Sie sich auf der einen oder anderen Seite erwischen, den Umstand dazu: mit wem Sie waren, wie viel Zeit Sie hatten, worum es ging. Nach vierzehn Tagen kommt aus diesen Notizen keine Zahl heraus, sondern eine Bedingung. Also genau das, was aus keinem Band herauszulesen ist.

Česky
Slovensky
English
Polski
Deutsch
Español
Magyar
Italiano
Português
Nederlands