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Beziehungen und Kommunikation

Konflikte in der Familie: warum sie so wehtun

Warum Streit in der Familie anders wehtut als im Job: alte Rollen, vier typische Streitzonen, Erbe, Feiertage und wann Abstand wirklich hilft.

Sabine ist zweiundvierzig, leitet eine Abteilung mit siebzehn Leuten und fährt alle vierzehn Tage zum Sonntagsbraten zu ihren Eltern. Nach zwanzig Minuten sagt die Mutter, so geschnittene Zwiebeln taugten nichts. Auf dem Rückweg sitzt Sabine im Auto und ärgert sich auf eine Art, die nach keiner Besprechung im Büro vorkäme.

Konflikte in der Familie haben diese merkwürdige Eigenschaft: Die Heftigkeit passt nicht zum Thema. Der Streit über Zwiebeln, über Heiligabend oder darüber, wer zuerst hätte anrufen müssen, trägt dreißig Jahre Vorgeschichte mit sich, die nur die Beteiligten kennen. Sie macht aus der Kleinigkeit einen Auslöser.

Warum Konflikte in der Familie anders wehtun als Streit im Job

Mit einem Kollegen verbindet Sie ein Projekt und ein paar Jahre. Mit der Familie die ganze Geschichte darüber, wer Sie sind. Ihre Eltern haben Sie wegen eines kaputten Spielzeugautos weinen sehen und mit siebzehn beim Lügen ertappt. Ihr Bruder erinnert sich an eine Reaktion, die Sie längst vergessen haben.

Dieses gemeinsame Gedächtnis wirkt wie eine Abkürzung. In der Firma streiten Sie über eine Sache, zu Hause über die Sache und alles, was ihr vorausging. Der Satz "klar, du weißt es ja immer besser" hat unter Kollegen keine Sprengkraft. Unter Geschwistern reißt er zwanzig Jahre Streit auf.

Dazu kommt der Rückfall in alte Muster. Bei den Eltern sind Sie wieder fünfzehn, reden in einem Tonfall, den Sie sonst nirgends benutzen, argumentieren wie in der Oberstufe und wundern sich über die eigene Gereiztheit wegen einer Bemerkung, die aus jedem anderen Mund abgeperlt wäre.

Der amerikanische Psychiater Murray Bowen entwickelte ab den fünfziger Jahren die Theorie der Familiensysteme. Sein Grundgedanke: Eine Familie verhält sich wie ein emotionales Ganzes, nicht wie eine Gruppe unabhängiger Einzelner. Spannung zwischen zweien schwappt darin gern auf eine dritte Person über, die eine Seite als Verbündeten, Vermittler oder Gesprächsthema dazuholt.

In der Praxis: Die Mutter beklagt sich beim Sohn über den Vater, zwei Schwestern schreiben sich über die dritte, die Schwiegertochter geht mit ihrem Mann durch, was die Oma zur Erziehung gesagt hat. Das ursprüngliche Paar redet derweil gar nicht miteinander. Die Spannung verteilt sich über die ganze Familie, fast alle fühlen sich erleichtert, und ein Ergebnis fällt nirgends.

Rollen aus der Kindheit überdauern Jahrzehnte

In jeder Familie pendeln sich binnen weniger Jahre informelle Rollen ein. Die Verantwortungsvolle. Der Schwierige. Der Schlichter, der jedes Weihnachten löscht. Das Kind, um das sich alle sorgen, längst ohne Anlass. Rollen entstehen aus echten Situationen und werden danach nie aktualisiert.

Thomas war der Schwierige. Mit sechzehn wechselte er auf die dritte Schule, mit achtzehn redete er ein halbes Jahr nicht mit dem Vater, mit zweiundzwanzig kam er pleite aus Australien zurück und wohnte wieder im Kinderzimmer. Heute ist er vierzig, führt seit zehn Jahren seine eigene Firma und tilgt den Kredit schneller als nötig. Beim Sonntagsessen fragt ihn die Mutter, ob auf dem Konto genug drauf ist. Sabine, die Verantwortungsvolle, wird gefragt, ob sie nicht wieder zu viel arbeitet.

Das ist das am wenigsten Einleuchtende an Familien: Rollen halten dreißig Jahre, nachdem sie aufgehört haben zu stimmen. Das System spart Arbeit, denn solange jeder weiß, wer organisiert und wer sich sperrt, muss nichts neu verhandelt werden. Ein neues Bild hieße, dass sich alle anderen mitverschieben, und das ist teuer.

Beantworten Sie das an dieser Stelle einmal für sich: Welche Rolle haben Sie in Ihrer Familie bekommen, und wann hat zuletzt jemand aus dem engsten Kreis zugegeben, dass sie Ihnen nicht mehr passt?

Rollen tarnen sich obendrein gut als Fürsorge. Die Frage "und schaffst du das alles?" kann ehrliches Interesse sein und genauso gut ein alter Kommentar dazu, dass Sie nie jemand für organisiert hielt. Von außen ist beides gleich. Sie merken es daran, wie schnell Ihnen eine Rechtfertigung einfällt.

Vier Zonen, in denen es in fast jeder Familie funkt

Die Streitthemen wiederholen sich über Familien hinweg erstaunlich stark. Zufall ist das keiner: In allen vier Feldern trifft eine praktische Entscheidung auf die Frage, wessen Meinung in der Familie Gewicht hat.

Zone Worüber gesprochen wird Worum es meistens geht Was die Lage bewegt
Erziehung der Enkel Kekse vor dem Essen, Bildschirmzeit, Zubettgehen Anerkennung, dass die Autorität an die nächste Generation übergegangen ist Eine kurze Liste von Regeln, die auch bei Oma gilt, den Rest loslassen
Geld und Erbe Die Eigentumswohnung, das Ersparte, wer wann mehr bekam Wer in der Familie als der Wichtigere galt Ein Gespräch zu Lebzeiten der Eltern, am besten im Beisein aller
Pflege alternder Eltern Wer hinfährt, wer zahlt, wann das Heim zum Thema wird Ungleiche Lastverteilung und das Gefühl von Undank Ein Plan mit konkreten Aufgaben statt allgemeiner Zusagen
Feiertage und Besuche Wer wohin fährt und für wie lange Loyalität: Wessen Familie ist "die eigentliche" Absprache einige Wochen im Voraus, nicht im Dezember

Ungefragte Ratschläge zur Erziehung der Enkel nehmen eine Sonderstellung ein, weil sie eine dritte Person betreffen. Die Eltern fühlen sich als Eltern bewertet, die Großeltern wehren sich gegen den Vorwurf, alles falsch gemacht zu haben. Geredet wird über gesalzenen Brei.

Die Pflege alternder Eltern ist die leiseste der vier Zonen und schwelt am längsten. Eines der Kinder fährt den Einkauf hin und begleitet zum Arzt, das andere ruft einmal die Woche an und hat Meinungen. Das erste sagt lange nichts, weil es sich nicht wie eine Buchhaltung vorkommen will. Meldet es sich, wirkt es wie eine Explosion aus dem Nichts, obwohl fünf Jahre eingefüllt wurde.

Streit mit den Eltern im Erwachsenenalter

Es hält sich die Vorstellung, man löse sich von den Eltern von allein: ausziehen, eigenes Geld verdienen, Familie gründen, fertig. In der Praxis geht der Streit mit dreißig und mit fünfzig weiter, in derselben Choreografie wie in der Oberstufe, nur die Themen haben gewechselt.

Für die Fähigkeit, in einer aufgeladenen Familie man selbst zu bleiben, benutzte Bowen den Begriff Differenzierung. Vereinfacht: Sie halten den Kontakt, ohne sich anpassen oder verteidigen zu müssen. Sie brauchen keine Zustimmung dazu, wie Sie leben, und müssen trotzdem kein Gespräch abbrechen. Das ist selten, denn beide Extreme sind bequemer als die Mitte.

Ein Gespräch zwischen zwei Erwachsenen erkennen Sie daran, was darin fehlt: die Rechtfertigung nach dem Muster "ich habe doch aber ...", der Versuch, die Eltern von Ihrer Entscheidung zu überzeugen, die Retourkutsche für eine alte Kränkung. Übrig bleibt eine Information: So machen wir das, so wird das Wochenende aussehen. Ihre Eltern müssen dem nicht zustimmen. Zustimmung war nicht die Bedingung.

Gut funktioniert eine unauffällige Sache: eine neue gemeinsame Erfahrung außerhalb der alten Kulisse. Die Küche, in der Sie sich mit sechzehn gestritten haben, erinnert das Muster für Sie mit. Ein Ausflug, eine Autofahrt, der Gartenzaun oder ein Café in einer fremden Stadt schaffen eine Lage, für die keine alte Rolle vorgesehen ist. Thomas fährt zweimal im Jahr mit seinem Vater zum Angeln und merkte, dass sie dort zum ersten Mal über Arbeit reden.

In der Familie rutschen wir außerdem in die Art der Auseinandersetzung zurück, die wir uns mit zehn angeeignet haben. Wer sich zu Hause nie durchgesetzt hat, schweigt auch mit vierzig. Wer laut wurde, wird bis heute laut. Der Überblick darüber, wie die einzelnen Konfliktstile aussehen, baut auf dem Dual-Concern-Modell von Blake und Mouton auf, das Durchsetzung und Rücksicht auf den anderen unterscheidet. Wenn Sie wissen wollen, zu welchem Stil Ihre familiäre Variante greift, gehen Sie den Konfliktstil-Test durch: 30 Fragen, rund vier Minuten, als Ergebnis ein primärer und ein sekundärer Stil sowie Ihre Position auf der Karte aus Durchsetzung und Entgegenkommen.

Geschwister und Erbe als Zündschnur

Die Beziehung zwischen Geschwistern ist die längste, die die meisten Menschen haben. Sie beginnt früher als jede Partnerschaft und endet später als die zu den Eltern. Sie bringt auch das meiste Vergleichen mit: Die Kinder wuchsen im selben Haus auf und wissen, wer die besseren Noten hatte und wem mehr durchging.

Eingeführt haben dieses Vergleichen nicht die Geschwister, sondern die Erwachsenen um sie herum. Der Satz "nimm dir ein Beispiel an deiner Schwester" verschwindet mit dem Abitur aus dem Familienbetrieb, bleibt aber gespeichert. Dreißig Jahre später meldet er sich dann, wenn etwas Handfestes aufgeteilt wird.

Genau deshalb ist der Streit ums Erbe selten ein Streit ums Geld. Die Eigentumswohnung der Eltern ist messbar und taugt als Beweisstück. Wer darauf beharrt, ihm stehe mehr zu, verteidigt oft etwas anderes: dass er jahrelang die Einkäufe hinfuhr, dass die Mutter ihn weniger schätzte, dass in der Kindheit andere Regeln galten. Ein Feilschen um Quadratmeter beantwortet das nie, im Grundbuch steht die Antwort nicht.

Sabine und Thomas hätten sich über der Wohnung der Eltern beinahe zerstritten. Sabine fuhr die Mutter vier Jahre lang zum Arzt, Thomas wohnt zweihundert Kilometer entfernt und kam einmal im Monat. Als der Vorschlag fiel, halbe halbe zu machen, lehnte Sabine ab und wunderte sich selbst, wie scharf es aus ihr herauskam. Bewegung kam erst hinein, als Thomas statt eines Gegenvorschlags sagte, er wisse von diesen vier Jahren und habe sich nie bedankt.

Es hilft, zwei Ebenen zu trennen. Zuerst Kränkungen und Anerkennung, wo nicht gerechnet wird. Erst danach das Vermögen, wo gerechnet werden muss. Die Reihenfolge ist nicht beliebig: Wer bei den Zahlen anfängt, landet vor Gericht und gewinnt etwas, worum es ihm nie ging.

Feiertage und Familientreffen lassen sich planen

Umfragen zu Stress ordnen Feiertage und große Familientreffen regelmäßig unter die anstrengenden Ereignisse des Jahres ein, sogar bei Menschen, die sich darauf freuen. Mehrere Generationen kommen zusammen, jeder mit eigenen Erwartungen, dazu Müdigkeit, Alkohol und zu wenig Platz. Ein paar Stunden in einer Wohnung erledigen den Rest.

Die meisten Schwierigkeiten entstehen nicht beim Treffen, sondern davor. Niemand sagt laut, wie er sich das vorstellt, also legt sich jeder ein eigenes Drehbuch zurecht, und um fünf zeigt sich, welches nicht aufgegangen ist.

Vier Dinge, die sich klären lassen, bevor die ganze Familie zusammenkommt:

  • Termine und Fahrtwege im November absprechen, nicht am zwanzigsten Dezember
  • die Dauer des Besuchs vorher ansagen, ohne entschuldigenden Ton ("wir kommen um zwölf, um vier müssen wir zurück")
  • zwei oder drei Themen mit dem Partner vorab aus dem Spiel nehmen, klassischerweise Politik, Geld und Kinderplanung
  • eine Ausstiegsmöglichkeit bereithalten: das eigene Auto, ein Spaziergang mit dem Hund, ein Hotel statt des Gästezimmers

Viele halten so eine Ausstiegsmöglichkeit für eine Beleidigung der Gastgeber. Sie wirkt andersherum: Wer weiß, dass er jederzeit gehen kann, hält mehr aus, weil er nicht in der Falle sitzt. Eltern beschweren sich häufiger über einen gereizten Gast als über einen, der früher fährt.

Wann Abstand hilft

Zwischen Familienidylle und Kontaktabbruch liegt ein breites Feld, und die meisten Lösungen liegen dort. Die häufigste Form ist der Kontakt mit Regeln: Man sieht sich, aber kürzer, an einem neutralen Ort, ohne Übernachtung, mit einigen Themen außer Reichweite. Die Beziehung geht weiter, nur in einem anderen Format.

Abstand wird oft als Scheitern gelesen, so als müsste ein Erwachsener jede Dosis Familie vertragen. Manchmal sorgt erst die geringere Frequenz dafür, dass die verbleibenden Treffen etwas taugen. Familien nehmen das schwerer als Kollegen oder Freunde, weil bei ihnen unbegrenzter Zugang vorausgesetzt wird.

Grenzen werden in der Familie genauso gesetzt wie überall, nur fällt die Reaktion heftiger aus. Sie sagen, was Sie selbst tun werden, nicht was der andere tun soll, und halten sich auch beim dritten Anruf daran. Das konkrete Vorgehen samt Formulierungen steht im Text darüber, wie Sie Grenzen setzen. Rechnen Sie damit, dass die ersten Monate unangenehm werden: Das System will zurück in den alten Zustand und benutzt dafür Schuldgefühle.

Der vollständige Abbruch des Kontakts ist eine Variante, zu der manche Erwachsene greifen. Sie steht am Ende eines langen Prozesses, nicht nach einem Ausbruch, und öffentlich wird darüber selten gesprochen. Wenn es um eine Beziehung geht, in der Gewalt oder Misshandlung vorkommt, ist das kein Thema für einen Artikel: Wenden Sie sich an professionelle Hilfe oder an ein Hilfetelefon für Betroffene.

Ziel dieser Anpassungen ist keine Familie ohne Streit. Konflikt zwischen nahen Menschen gehört zur Ausstattung, und wer sich nie streitet, verschiebt seine Themen nur nach hinten. Sabine schneidet bei ihren Eltern keine Zwiebeln mehr, weil jetzt die Mutter allein kocht und Sabine den Tisch deckt. Der Satz über die Zwiebeln ist deswegen nicht verschwunden. Er ist zu den Kartoffeln umgezogen.

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