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Beziehungen und Kommunikation

Necken oder verspotten: wo die Grenze verläuft

Dieselbe Stichelei verbindet zwei Menschen und trifft zwei andere. Drei Merkmale eines freundlichen Neckens und was hilft, wenn es danebengeht.

Beim Geburtstagsessen erzählte Jonas wieder die Geschichte, wie Sabine sich im vergangenen Jahr auf dem Betriebsausflug auf dem Weg von der Hütte zum Parkplatz verlaufen hatte. Der Tisch lachte. Sabine auch, nur eine halbe Sekunde später und nur mit den Mundwinkeln, und danach holte sie sich für längere Zeit ein Wasser.

Der Unterschied zwischen einer Stichelei, nach der es sich zu zweit besser sitzt, und einem Witz, nach dem einer von beiden schweigt, lässt sich aus einem Wortprotokoll nicht ablesen. Derselbe Satz wirkt zwischen zwei Menschen als Zeichen von Nähe und zwischen zwei anderen als Treffer, ohne dass sich ein einziges Wort ändert. Es ändert sich alles ringsum: wer ihn gesagt hat, zu wem, vor wem und nach was.

Necken ist ein Spiel und hat eigene Regeln

Dacher Keltner fasste 2001 mit seinen Kollegen Dutzende Studien zusammen und beschrieb das Necken als soziales Spiel mit Regeln. Es ist eine Provokation, allerdings verpackt in Signale, die sagen "nimm das nicht wörtlich": der übertriebene Tonfall, die komische Überzeichnung, das Lächeln, der alte Spitzname, den sonst niemand benutzt. Unter Menschen, die einander vertrauen, hält diese Verpackung, und das Spiel festigt die Beziehung. Ohne Vertrauen geht die Verpackung verloren und übrig bleibt die nackte Provokation.

Daraus folgt etwas, das umgekehrt klingt, als man erwarten würde. Die schärfsten Sticheleien finden Sie nicht zwischen Menschen, die sich nicht mögen, sondern zwischen den engsten. Brüder, alte Schulfreunde, ein Paar nach zehn Jahren. Die Schärfe allein sagt also fast nichts. Etwas verrät erst das Verhältnis zwischen dem, was Sie sich erlauben, und dem, wie viel zwischen Ihnen liegt.

Gespielt wird zudem nicht im luftleeren Raum. Dieselbe Bemerkung über das Verlaufen sitzt auf der Hütte, wo alle über ihre eigenen Fehler herziehen, und geht ein Jahr später an einem Tisch daneben, an dem Sabine die Hälfte der Leute nur vom Sehen kennt. Weder der Witz noch die Beziehung hat sich verändert, die Situation hat sich verändert, und die entscheidet mehr, als die Urheber guter Sprüche gewöhnlich annehmen.

Die Regeln sind deshalb nicht überall dieselben. Unter Geschwistern beim Sonntagsessen gelten andere als in einer Besprechung, in der eine der anwesenden Personen über die Gehälter der übrigen entscheidet. Ein Gefälle in der Stellung kann einen harmlosen Spruch umdrehen, wovon ein eigener Text über Humor am Arbeitsplatz handelt.

Drei Merkmale einer freundlichen Stichelei

Die Grenze lässt sich allgemein schlecht beschreiben, dafür aber recht zuverlässig daran erkennen, wie sich die Situation verhält. Drei Dinge verraten sie fast jedes Mal.

Die Zielscheibe lacht mit

Das ist das erste und gröbste Sieb. Der Haken daran: Lachen allein beweist gar nichts. Robert Provine beschrieb in seinem Buch über das Lachen von 2000, dass wir in Gesellschaft rund dreißigmal wahrscheinlicher lachen als allein und dass das meiste Lachen nicht auf Witze folgt, sondern auf ganz gewöhnliche Sätze. Lachen ist vor allem ein soziales Signal, keine Note für Komik.

Deshalb lohnt der Blick auf Details. Ein echt belustigtes Lächeln zieht auch die Muskeln um die Augen mit, die Höflichkeitsversion endet am Mund, was schon Duchenne und später Paul Ekman beschrieben haben. Und dann ist da das Timing: Wer sich amüsiert, lacht in dem Moment, in dem die Pointe ankommt. Wer sich rettet, steigt ein Stück später ein, weil er sich zwischendurch entschieden hat. Genau das tat Sabine bei jenem Essen.

Wer als Nächstes dran ist

Im Spiel wechseln die Rollen. Jonas zieht Sabine auf, Sabine gibt ihm zwanzig Minuten später den Aufschlag zurück, weil er so sicher behauptet hatte, die Hütte liege hinter dem zweiten Hügel. Dort macht sich niemand klein, dort wird gespielt.

Sobald jedoch eine Person jedes Mal die Zielscheibe ist und nie die Urheberin, handelt es sich nicht um ein Spiel, sondern um eine Rolle, die ihr die anderen zugeteilt haben. Meist geschieht das ohne böse Absicht: Jemand hat einfach die besten Geschichten und ist zum Hausmaterial geworden. Versuchen Sie beim nächsten Treffen still mitzuzählen, wie oft der Witz auf Kosten derselben Person ging.

Der Test, den es besteht oder nicht

Das letzte Merkmal ist das härteste und schnellste: Auf Bitte hört es auf. Wenn die Zielscheibe "lass gut sein" sagt und die Antwort "klar, sorry" lautet und das Thema damit wirklich fällt, war es ein Spiel. Wenn die Antwort "jetzt sei doch nicht so empfindlich" lautet und derselbe Witz eine Viertelstunde später im neuen Mantel zurückkommt, war es keines. Niemand muss entscheiden, wer recht hatte; es genügt zu schauen, was nach diesem "genug" passiert.

Worauf achten Necken, das verbindet Witz, der schneidet
Zielscheibe Wechselt, heute du, morgen ich. Immer dieselbe Person, oft die unsicherste am Tisch.
Thema Etwas, das die Zielscheibe selbst leichtnimmt. Genau das, wofür sie empfindlich ist, und der Urheber weiß es.
Publikum Es lachen alle, die Zielscheibe eingeschlossen. Die anderen lachen und die Zielscheibe steigt ein, um die Stimmung nicht zu verderben.
Reaktion auf "genug" Der Witz wird zurückgezogen und kehrt nicht wieder. Es folgt eine Rechtfertigung und etwas später die zweite Runde.
Am Tag darauf Eine Geschichte, die auch die Zielscheibe erzählt. Ein Satz, den die Zielscheibe auf dem Heimweg im Kopf wiederholt.

"War doch nur Spaß"

Dieser Satz hat eine merkwürdige Eigenschaft. Er fällt nie vor dem Witz, immer danach, und zwar ausschließlich in dem Moment, in dem etwas geknirscht hat. Als Rechtfertigung taugt er damit nicht, weil er selbst zugibt, dass etwas passiert ist.

Der Urheber weiß, wie er es gemeint hat. Die Zielscheibe weiß, wie es angekommen ist. Beides ist wahr und lässt sich nicht gegeneinander stellen, nur hat die Antwort auf die Frage "hat das wehgetan?" allein einer von beiden. Die Absicht entscheidet darüber, was der Witz war; die Wirkung entscheidet darüber, was von ihm geblieben ist.

Darin steckt noch ein Ungleichgewicht. Der Witz kostet den Urheber eine Sekunde und ist dann vergessen, die Zielscheibe nimmt ihn mit nach Hause. Immer wieder zeigt sich dabei, dass wir eigene Bemerkungen danach beurteilen, wie wir sie gemeint haben, fremde dagegen danach, wie sie uns getroffen haben. Die Verzerrung weist jedes Mal in dieselbe Richtung: von innen betrachtet wirkt der eigene Seitenhieb milder.

Daraus folgt zugleich nicht, dass der Urheber etwas Schlimmes begangen hätte oder die Zielscheibe ein Vetorecht auf alles erworben hätte. Zwei Sackgassen sehen so aus: "wenn dich das gekränkt hat, ist das dein Problem" und "wenn ich jemanden verletze, bin ich ein schrecklicher Mensch". Beide bringen das Spiel gleich zuverlässig um, nur von entgegengesetzten Seiten.

Scharfer Humor ist im Übrigen kein Charakterfehler. Er ist eines der vier Register, die Menschen benutzen, und in der passenden Gesellschaft gehört er zu den unterhaltsamsten; ausführlicher nimmt ihn die Übersicht der Humorstile auseinander. Danebengreifen tut man dabei meist nicht beim Inhalt, sondern bei der Form. Eine ironische Bemerkung bedeutet nämlich das Gegenteil dessen, was sie sagt, und braucht deshalb einen gemeinsamen Kontext beider Seiten, damit sie richtig gelesen werden kann, was das Thema des Textes über Sarkasmus und Ironie ist.

Wie Sie sagen, dass ein Witz wehgetan hat, ohne großes Drama

Die meisten Menschen wählen aus zwei Möglichkeiten und beide sind schlecht. Entweder sie lachen und sind danach zwei Tage lang seltsam, oder es platzt einmal beim dritten Bier heraus und plötzlich stehen fünf Jahre Vorgeschichte auf dem Tisch. Es gibt aber auch einen dritten Weg, und der ist langweilig einfach.

Sagen Sie es später, nicht in dem Moment am Tisch. Das Publikum drückt beide Seiten in Positionen, aus denen man schlecht zurückkommt, und vor Zeugen legt der Urheber eher nach, als dass er nachgibt. Einen Tag später im Auto oder an der Spüle lässt sich derselbe Satz folgenlos sagen. Halten Sie sich kurz, zwei Sätze genügen, und sprechen Sie über den Witz, nicht über das Wesen des anderen.

In der Praxis sieht das etwa so aus:

  • "Die Geschichte mit dem Verlaufen ist mir wirklich unangenehm. Lässt du sie ruhen?"
  • "Ich weiß, du meinst es nicht böse, aber die erwischt mich jedes Mal."
  • "Vor deiner Mutter bitte nicht mehr, sonst ist es mir egal."
  • "Ich habe gelacht, zum Lachen war mir aber nicht. Sollst du nur wissen."

Auf den Ton kommt es dabei mehr an als auf die Worte. Ein ruhig gesagter Satz klingt wie eine Information, derselbe mit einem Vorwurf klingt wie eine Anklage und löst zuverlässig Abwehr aus. Sprechen Sie über sich und über eine konkrete Sache, nicht darüber, was der andere den Menschen im Allgemeinen antut.

Nicht funktioniert dagegen die Diagnose. In dem Moment, in dem "du bist aggressiv" oder "du bist eben so" fällt, geht es nicht mehr um den Witz, sondern darum, ob der Urheber ein guter Mensch ist. Dort findet sich eine Einigung sehr viel schwerer. Ebenso wenig hilft eine lange Aufzählung aller früheren Vergehen, denn der andere hört daraus vor allem, dass Sie jahrelang Buch geführt haben.

Manchmal greift es beim ersten Mal nicht und der Witz kommt nach einem Monat zurück. Sagen Sie es dann noch einmal und ebenso knapp, denn den ersten Versuch behalten Menschen tatsächlich oft nicht. Ändert sich auch beim dritten Mal nichts, geht es nicht mehr um Humor, sondern darum, welches Gewicht Ihr "genug" hat. Das ist bereits ein anderes Gespräch und wird anders geführt.

Und nun ehrlich: Wann haben Sie zuletzt jemandem gesagt, dass ein Witz für Sie nicht gepasst hat? Und wie oft haben Sie stattdessen gelacht und es erst zu Hause mit jemand anderem auseinandergenommen?

Wenn Sie zu weit gegangen sind

Zu erkennen ist das meist an der Stille. Jemand verstummt, wechselt das Thema, fängt an, Teller abzuräumen. In dem Augenblick verspürt man Lust, den Witz entweder zu erklären oder zu beweisen, dass er eigentlich in Ordnung war. Beides zieht die Situation nur in die Länge.

Eine kurze Entschuldigung ist das Billigste der Welt und wirkt fast immer. "Sorry, das war unnötig. Ich lasse es." Punkt. Ohne das "falls dich das irgendwie getroffen hat", denn damit entschuldigt man sich für die Reaktion des anderen und nicht für den eigenen Witz.

Rechnen Sie damit, dass Ihnen die meisten Menschen "ach was, passt schon" antworten. Manchmal ist es so gemeint, manchmal will jemand bloß keine Szene machen, und den Unterschied erkennen Sie daran, ob das Gespräch von selbst weiterläuft oder ob nach diesem Satz Stille bleibt. Im zweiten Fall bringt es nichts, auf Vergebung zu drängen. Es genügt, das Thema fallen zu lassen.

Achtung vor dem entgegengesetzten Extrem, das gern übersehen wird. Wer sich für eine Bemerkung fünf Minuten lang entschuldigt und ausbreitet, was für ein furchtbarer Mensch er ist, dreht die Rollen um: Die Zielscheibe muss auf einmal Sie trösten und bekommt zu ihrem ursprünglich unangenehmen Gefühl noch Arbeit dazu. Großes Theater macht aus der Entschuldigung einen weiteren Auftritt, in dem wieder Sie die Hauptrolle spielen.

Was wirklich zählt, ist, was nächste Woche passiert. Kommt derselbe Witz zurück, löscht sich die Entschuldigung rückwirkend. Kommt er nicht zurück, muss nie wieder über sie gesprochen werden. Wonach Sie selbst am häufigsten greifen und welche Mischung an Registern Sie vorrätig haben, deutet ein kurzer Test der Humorstile an, denn Humor ist zu einem großen Teil Gewohnheit und kein Urteil über den Charakter.

Striche am Tisch

Versuchen Sie bei einem einzigen Treffen ein kleines Experiment. Tun Sie nichts, haken Sie nur im Kopf ab, auf wessen Kosten jeder Witz geht. Sieben Leute, zwei Stunden, eine gedachte Strichliste.

An Tischen, an denen es sich gut sitzt, sind die Striche recht gleichmäßig verteilt, und die meisten hat gewöhnlich derjenige, der selbst danach fragt. Wo eine Person sieben Striche hat und alle übrigen je einen, ist es weiterhin Unterhaltung für sechs von sieben Leuten. Und die siebte ärgert sich meist nicht. Sie meldet sich nur nicht mehr zu Wort und kommt nach ein oder zwei Jahren nicht mehr.

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