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Beziehungen und Kommunikation

Schweigen als Strafe in der Beziehung

Warum Schweigen in der Beziehung so weh tut, wie sich Strafe von einer Pause unterscheidet und wie Sie die Stille ohne Gesichtsverlust brechen.

Thomas und Anja reden seit vier Tagen nicht miteinander. Sie wohnen in derselben Wohnung, sie begegnen sich morgens in der Küche, und was gesagt werden muss, läuft über die achtjährige Tochter. Auf der Arbeitsplatte liegt ein Zettel mit einem einzigen Wort: "Miete."

Von außen sieht das nach fehlender Kommunikation aus. In Wirklichkeit läuft die Kommunikation auf Hochtouren, sie kommt nur ohne Worte aus. Schweigen als Strafe transportiert eine sehr genaue Botschaft: Ich sehe dich, du stehst hier, und ich werde dich trotzdem nicht zur Kenntnis nehmen. Diese Botschaft kommt zuverlässig an.

Schweigen als Strafe und Schweigen als Pause

Bevor Sie irgendetwas klären, lohnt es sich, zwei Dinge zu trennen, die vom Sofa aus fast gleich aussehen. Das eine ist Rückzug aus Überlastung. Das andere ist Stille, die als Werkzeug eingesetzt wird.

Eine Pause hat ein Zeitlimit und eine Rückkehr. Sie sagen, dass Sie eine halbe Stunde brauchen, und nach einer halben Stunde kommen Sie tatsächlich zurück. Eine Strafe hat einen Adressaten und einen Zweck. Sie hat kein Ende, das der andere kennt, und sie ist so gebaut, dass sie zu spüren ist.

Den Unterschied erkennt auch jemand, der sich nie mit Psychologie beschäftigt hat. Fragen Sie sich, ob das Schweigen, das Sie gerade halten, ein Enddatum hat. Wenn die Antwort lautet "es endet, wenn sie sich entschuldigt", dann ist das keine Erholung, sondern ein Verhandeln ohne Worte. Und es gehört zu den Lehrbuchformen der passiven Aggressivität: nach außen passiert überhaupt nichts, darunter läuft Druck.

Sprachlich ist der Unterschied winzig, praktisch riesig. "Ich habe gerade keine Worte" beschreibt einen Zustand. "Von mir bekommst du keine Worte" beschreibt eine Sanktion. Die meisten wissen mitten im Streit nicht, welchen der beiden sie gerade leben, und das ist Teil des Problems.

Warum Schweigen in einer Beziehung so weh tut

Kipling Williams hat Jahrzehnte damit verbracht, Ostrazismus zu erforschen, also das, was mit einem Menschen passiert, wenn sein Umfeld ihn übersieht. Sein bekanntestes Instrument heißt Cyberball und ist geradezu absurd einfach. Auf dem Bildschirm werfen sich drei Figuren einen Ball zu, und nach einigen Runden werfen die beiden anderen Spieler nur noch untereinander.

Die Teilnehmer sitzen dabei allein am Computer, ihre Mitspieler haben sie nie gesehen, und im Spiel geht es um keinerlei Belohnung. Trotzdem verschlechtert sich innerhalb weniger Minuten die Stimmung, und das Gefühl, irgendwo dazuzugehören und die Lage im Griff zu haben, sinkt. Williams stellte immer wieder fest, dass Ostrazismus selbst dann wehtut, wenn man den Leuten vorher sagt, dass gegen sie nur ein Computerprogramm spielt.

Naomi Eisenberger hat dieses Spiel mit Kollegen 2003 Menschen im Scanner vorgelegt. Beim Ausschluss leuchtete eine Hirnregion auf, die sich auch bei körperlichem Schmerz meldet, genauer gesagt bei dessen unangenehmer Komponente, also bei der Frage "wie sehr stört mich das". Sozialer Schmerz und der Schmerz eines angestoßenen Knies teilen sich damit ein Stück derselben Maschinerie. Das Gehirn behandelt Zurückweisung nicht als Abstraktion, sondern als Verletzung.

Und jetzt übertragen Sie das nach Hause. Cyberball dauert ein paar Minuten, es spielen Fremde mit, und es steht nichts auf dem Spiel. Das Schweigen zu Hause dauert Tage, es kommt von dem Menschen, mit dem Sie das Bett teilen, und es steht alles auf dem Spiel. "Mein Partner redet nicht mit mir" beschreibt deshalb nicht nur dicke Luft in der Wohnung, sondern einen Zustand, auf den der Körper reagiert wie auf eine Verletzung.

Was die Schweigebehandlung mit beiden Seiten macht

Die schweigende Seite gilt in dieser Geschichte meist als die stärkere. Sie hält die Karte in der Hand, sie entscheidet, wann das Spiel endet, und nach außen wirkt sie ruhig. Diese Ruhe ist allerdings meistens nur Oberfläche.

John Gottman, der Paare jahrzehntelang beim Streiten gefilmt und auseinandergenommen hat, zählt chronischen Rückzug aus dem Gespräch zu den stärksten Warnsignalen für die Zukunft einer Beziehung. Bei zurückgezogenen Partnern beschrieb er einen auffälligen Widerspruch: außen ein unbewegtes Gesicht, innen ein Körper in voller Alarmbereitschaft. Wer aufhört zu antworten, steht meist nicht über der Sache. Er ist überflutet, und Schweigen war das Einzige, was ihm eingefallen ist.

Die andere Seite dreht sich unterdessen im eigenen Karussell. Sie spielt das letzte Gespräch noch einmal ab, sucht den einen Satz, der das ausgelöst hat, schreibt Nachrichten und löscht sie wieder. Wenn die Stille lange genug dauert, verhält sie sich entgegenkommender, als sie eigentlich will, nur damit es aufhört. Genau hier wird aus Schweigen ein Machtmittel, auch wenn es am Anfang niemand so gemeint hat.

Der Streit selbst bewegt sich nicht. Er friert ein. Nach einer Woche kehrt das Paar in den normalen Betrieb zurück, weil ein Kind abgeholt und die Miete bezahlt werden muss, doch das ursprüngliche Thema bleibt unberührt unter der Oberfläche liegen. Beim nächsten Mal taucht es größer wieder auf, mit der Geschichte der vorherigen stillen Runden im Gepäck.

Die Tochter aus der Anfangsszene hat niemand bewusst hineingezogen. Trotzdem ist sie zum Briefkasten geworden, und Kinder lesen diese Rolle sehr genau: Meine Eltern streiten, reden ist verboten, und ich bin diejenige, die die Nachrichten austrägt. Ein offener Streit beim Abendessen ist für ein Kind meist verdaulicher als drei Tage Stille, die es nicht einordnen kann.

Im Dual-Concern-Modell, das Robert Blake und Jane Mouton in den sechziger Jahren beschrieben haben, fällt dieses Verhalten in den vermeidenden Stil: wenig Durchsetzung, wenig Entgegenkommen, und das Ergebnis ist weder eine Einigung noch ein Zugeständnis, sondern ein Aufschub. Vermeiden ist dabei an sich kein Fehler, und bei Kleinigkeiten ist es sogar praktisch. Das Problem beginnt in dem Moment, in dem es zur einzigen verfügbaren Reaktion auf Unbehagen wird. Wenn Sie sehen wollen, wohin Sie selbst im Streit tendieren, machen Sie unseren Konfliktstil-Test: 30 Fragen, rund vier Minuten, und als Ergebnis ein primärer und ein sekundärer Stil sowie Ihre Position auf der Landkarte aus Durchsetzung und Entgegenkommen.

Mein Partner redet nicht mit mir. Wie Sie die Stille ohne Gesichtsverlust brechen

Der häufigste Grund, warum das Schweigen länger dauert als nötig, ist nicht Wut. Es ist Prestige. Wer zuerst spricht, gibt scheinbar zu, dass er weniger recht hatte, und das trägt sich im angespannten Zustand schwer.

Es hilft, den ersten Schritt so klein zu machen, dass er nicht wie eine Kapitulation aussieht. Sie müssen nicht beim Streit anfangen. Ein gewöhnlicher Alltagssatz in normaler Stimmlage genügt: das Angebot eines Kaffees, die Frage, ob etwas eingekauft werden soll, eine Bemerkung über das Wetter auf der Treppe. Das klingt banal, funktioniert aber als Signal, dass der Kanal wieder offen ist.

Der zweite Schritt ist, den Zustand zu benennen statt den Inhalt. "Ich weiß nicht, wie ich mit dir ins Reden komme, aber so will ich es nicht" gibt keine Niederlage im Streit zu. Er gibt nur zu, dass die Stille Sie stört, und das ist etwas ganz anderes. Merkwürdig daran ist, dass er sich kaum zurückweisen lässt, weil er nichts verlangt.

Ein paar Dinge, die diesen ersten Kontakt erleichtern:

  • ein kurzer Satz über den Alltag statt der sofortigen Rückkehr zum Streitthema
  • bieten Sie eine Zeit an, nicht sofort ein Gespräch: "können wir heute Abend darüber reden, wenn die Kleine schläft?"
  • eine Nachricht, nicht eine Serie von Nachrichten, auf die niemand antwortet
  • ohne Bedingungen der Art "ich rede, sobald du dich entschuldigst"
  • wenn der andere knapp reagiert, nehmen Sie das als Start und nicht als Abfuhr
  • Nachrichten über das Kind fallen komplett weg, auch die praktischen

Bleibt eine Frage, die Paare selten laut stellen. Wie viele Stunden Stille vergehen bei Ihnen zu Hause üblicherweise, bis jemand als Erster spricht, und ist das jedes Mal dieselbe Person? Wenn Sie auf die zweite Hälfte mit Ja antworten, haben Sie zu Hause keinen einzelnen Streit, sondern einen eingespielten Mechanismus.

Vereinbarte Auszeit statt Strafe

Es gibt eine Version des Schweigens, die einer Beziehung guttut. Sie unterscheidet sich in einer Sache: Sie ist vorher vereinbart, in Ruhe, nicht mitten im Geschrei.

Eine Auszeit bedeutet, dass beide das Gespräch stoppen dürfen, dabei aber zwei Informationen mitliefern müssen. Dass sie kurz weg müssen, um durchzuatmen, und wann sie zurückkommen. "Ich brauche eine Stunde, um acht setzen wir uns hin." Ohne den zweiten Teil wird aus der Pause wieder nur Stille, und die liest die Gegenseite als Strafe.

Gottman empfiehlt, dem Körper genug Zeit zu geben, um aus der Alarmbereitschaft herunterzukommen, und zwanzig Minuten sind meist die Untergrenze, ab der Weiterreden Sinn ergibt. Während der Pause hilft alles, was kein Nachspielen des Streits im Kopf ist. Ein Spaziergang, eine Dusche, der Abwasch. Wer sich die ganze Zeit im Stillen Gegenargumente zurechtlegt, kommt genauso aufgedreht zurück, wie er gegangen ist.

Die Rückkehr ist eine Verpflichtung, keine Option. Genau darin unterscheidet sich die vereinbarte Pause vom Schweigen als Strafe, obwohl beide in den ersten zehn Minuten völlig gleich aussehen. Wenn einer von Ihnen die Pause häufig ausruft und die Rückkehr selten stattfindet, lohnt sich ein Blick darauf, wie die übrigen Konfliktstile aussehen und was sich davon ausleihen lässt.

Wenn Schweigen zum Kontrollinstrument wird

Die meisten stillen Tage sind Ungeschicklichkeit, nicht Grausamkeit. Menschen schweigen, weil ihnen niemand einen anderen Weg gezeigt hat, sich zu verhalten, wenn sie verletzt und wütend zugleich sind. Sie haben es zu Hause gelernt, wo es genau so gemacht wurde.

Es gibt allerdings Muster, in denen die Stille eine andere Funktion erfüllt. Sie dauert Tage oder Wochen, kehrt regelmäßig wieder, endet erst, wenn die andere Seite nachgibt, und in der Zwischenzeit richtet sich der ganze Haushalt danach. Wenn Sie sich dabei ertappen, Ihre Sätze vorab so abzumessen, dass "es nicht wieder losgeht", klären Sie keinen Streit. Sie beschreiben ein Regime, in dem Sie leben.

Von innen ist die Grenze zwischen einem zugespitzten Streit und einem Druckmuster nicht immer deutlich. Wenn Sie sich darin wiederholt erkennen, ist eine Paartherapeutin oder ein Psychologe kein Zeichen des Scheiterns, sondern ein Blick von außen von jemandem, der so etwas täglich sieht.

Thomas und Anja haben es am fünften Tag an der Spülmaschine durchbrochen. Er sagte weder "es tut mir leid" noch "wir müssen reden". Er fragte, ob er den richtigen Typ Tabs gekauft habe, weil auf der Packung zwei Varianten standen. Anja antwortete mit zwei Sätzen über Tabs und einem darüber, dass sie so nicht weitermachen will. Das Gespräch über das Wochenende bei seinen Eltern kam zwei Tage später und dauerte keine halbe Stunde. Den Zettel mit der Aufschrift "Miete" hatte inzwischen jemand weggeworfen.

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