Lukas erzählt am Tisch, wie er im Termin mit einem Kunden den Bildschirm geteilt hat und statt der Halbjahreszahlen allen seine halb fertige Bestellung von Katzenfutter entgegensprang. Er erzählt es mit Tempo, samt dem Detail, wie lange er danach das richtige Fenster gesucht hat, und der Tisch prustet los.
Ein halbes Jahr später erzählt er dieselbe Geschichte noch einmal, nur leiser und mit einer vorangestellten Entschuldigung dafür, dass er eben der sei, dem so etwas passiere. Die Worte haben sich kaum verändert. Die erste Fassung hat ihm in der Runde etwas hinzugefügt, die zweite etwas weggenommen.
Der Unterschied zwischen diesen beiden Fassungen ist eigentlich das ganze Thema Selbstironie. Die Zielscheibe ist in beiden Fällen dieselbe, nämlich Sie selbst. Verschieden ist die Position, aus der Sie sie besetzen, und das, was Ihnen nach dem Witz bleibt.
Warum ein Witz auf eigene Rechnung entwaffnet
In jeder Gruppe schätzen die Beteiligten laufend ab, wer sich wie viel herausnimmt. Wer sich selbst zur Zielscheibe macht, steigt für einen Moment eine Stufe hinunter, ohne dass ihn jemand dorthin geschickt hätte. Und weil er es freiwillig getan hat, liest die Umgebung es als Zeichen von Sicherheit: Hinuntersteigen traut sich, wer keine Angst hat, nicht wieder hochzukommen.
Der zweite Effekt ist praktischer. Wenn Sie die Schwachstelle zuerst benennen, muss sie niemand mehr entdecken. Wer mit lichter werdendem Haar zur Präsentation kommt und mit der Bemerkung anfängt, die letzten drei seien während der Vorbereitung genau dieser Präsentation gegangen, nimmt den anderen das Material weg, bevor sie es benutzen konnten. Eine spitze Bemerkung hinter dem Rücken hat danach keinen Platz mehr, weil er besetzt ist.
Und drittens liegt darin eine Erlaubnis für andere. Neben jemandem, dem sichtlich nichts daran liegt, perfekt zu sein, fällt das Eingeständnis eigener Unvollkommenheit leichter. Ein Neuling im Team entspannt sich bei so einem Kollegen binnen zehn Minuten, weil er aus dessen Verhalten abliest, dass Fehler hier nicht mit Gesichtsverlust bezahlt werden.
Mit Bescheidenheit hat das dabei fast nichts zu tun, auch wenn es von außen so aussieht. Ein bescheidener Mensch spielt das Ergebnis herunter, das er erreicht hat. Ein selbstironischer benennt eine konkrete Schwäche und lässt das Ergebnis dort stehen, wo es ist. Der eine Satz nimmt etwas von dem weg, was Sie geschafft haben, der andere davon, wie unfehlbar Sie dabei wirken. Der Unterschied ist hörbar, wenn Sie jemanden loben und er antwortet, das sei nichts gewesen, gegenüber der Antwort, es sei erst im dritten Anlauf gut geworden.
Nur funktioniert Selbstironie nicht im luftleeren Raum, und das ist an der ganzen Sache das Unauffälligste. Sie wirkt wie ein Rabatt auf etwas, das ohnehin sichtbar ist. Derselbe Satz von jemandem, den das Team seit einem Jahr bei guter Arbeit beobachtet, und von jemandem, der am Montag angefangen hat, ist nicht derselbe Satz. Beim Ersten legt er sich als Gelassenheit ab, beim Zweiten als erster Eintrag in der Akte. Selbstironie braucht Kontext, sonst gibt es nichts abzuziehen und es bleibt nur der Abzug.
Wenn die Zielscheibe immer dieselbe ist
Sabine kam in ein Unternehmen, in dem in Besprechungen leise und sachlich gesprochen wurde. Im ersten Monat fiel ihr die einzige Sache auf, die dort zuverlässig für Gelächter sorgt: sich selbst herunterzumachen. Sie sagte, von Tabellen verstehe sie so viel wie eine Kuh vom Klavierspielen, und zum ersten Mal seit Wochen entspannte sich der Raum. Nach zwei Monaten war es Gewohnheit, eine Bemerkung über sich selbst pro Besprechung.
Nach einem Jahr stellte sie fest, dass die anspruchsvolleren Auswertungen an andere gingen. Niemand warf ihr etwas vor und niemand dachte schlecht über sie. Alle hatten sich aus ihrem eigenen Material nur ein Bild zusammengesetzt, das passte. Eine Geschichte, die Sie zum fünften Mal erzählen, legt die Umgebung nicht als Witz ab, sondern als Tatsache.
Irgendwo hier verläuft die Grenze zwischen Selbstironie und Selbstabwertung. Sie liegt nicht in einem einzelnen Satz, der kann völlig gleich lauten. Sie liegt im Verhältnis, in der Wiederholung und vor allem darin, warum Sie diese Zielscheibe gewählt haben. Selbstironie ist eine Wahl, eine von vielen Möglichkeiten, eine Situation zu fassen. Selbstabwertung ist ein Automat: Unsicherheit tritt ein, der Witz über einen selbst fährt heraus.
In dieser Lage wird Humor zur Eintrittskarte in die Runde. Sie müssen nicht der Interessanteste am Tisch sein, es genügt, derjenige zu sein, bei dem es immer zu lachen gibt, weil über ihn gelacht wird. Diese Eintrittskarte ist billig und sofort zu haben. Bezahlt wird allerdings in Raten, und die kommen in den Momenten, in denen Sie gebraucht hätten, dass jemand Sie ernst nimmt.
Eine unauffällige Nebenwirkung zeigt sich in der Rückmeldung. Wer die eigenen Schwächen selbst und laut benennt, hört sie von der Umgebung nicht mehr. Die Leute gehen davon aus, dass Sie es ohnehin wissen, also sparen sie sich die Bemerkung und schließen sich nur dem Lachen an. Kritik, die man hätte gebrauchen können, erreicht Sie so nie, und übrig bleibt Ihre eigene Fassung, immer wieder wiederholt.
Hinter diesem Muster muss dabei kein Drama stecken. Oft ist es nur ein gelernter Zug, der irgendwann einmal funktioniert hat und sich seither von selbst wiederholt. Wie Sie laut über sich sprechen, gleicht sich mit der Zeit allerdings dem an, wie Sie leise über sich sprechen, und dem Zweiten widmet sich ein eigener Text darüber, wie sich das Selbstwertgefühl stärken lässt.
Was die Forschung dazu weiß
Der kanadische Psychologe Rod Martin und seine Kollegen schlugen 2003 ein Modell vor, das Humor nicht danach sortiert, ob er gut ist, sondern danach, wem und wozu er dient. Es benutzt zwei unabhängige Achsen: den Ton, also ob ein Witz freundlich oder scharf ist, und die Richtung, also ob er auf andere zielt oder auf Sie. Aus ihrer Kombination entstehen vier Humorstile: verbindend, selbststärkend, scharf und selbstironisch, wobei der letzte im Modell genau die abwertende Variante beschreibt.
Interessant ist, was in den Daten mit den beiden geschah, die nach innen zielen. Beide haben dieselbe Zielscheibe, nämlich die eigene Person, und lagen trotzdem auf entgegengesetzten Seiten. Selbststärkender Humor, also die Fähigkeit, der eigenen Pechsträhne die komische Seite abzugewinnen, hing mit besserem Befinden zusammen. Der abwertende mit schlechterem. Die Wahl der Zielscheibe entscheidet demnach über gar nichts. Es entscheidet die Richtung, in die der Witz Ihre Position bewegt.
Diesen Satz muss man vorsichtig lesen. Es geht um Zusammenhänge, nicht um Ursachen, und ebenso gut kann die umgekehrte Reihenfolge gelten: Wer sich seit Längerem schlecht fühlt, greift eher zur Abwertung. Außerdem geht es um eine Gewohnheit über Dutzende Situationen hinweg, nicht um den einzelnen Witz. Aus einer Bemerkung über sich selbst folgt überhaupt nichts.
Erwähnenswert ist auch, dass die vier Skalen voneinander unabhängig sind. Sie sind nicht einer von vier Typen, Sie haben von jedem Stil eine Portion. Ein hoher Wert in der Selbstabwertung trifft in der Praxis häufig auf einen hohen Wert im verbindenden Humor, und heraus kommt jemand, der den ganzen Tisch zum Lachen bringt und sich die Hauptrolle darin selbst zuweist.
Der Psychiater George Vaillant, der jahrzehntelang beobachtet hat, wie Menschen mit unangenehmen Dingen zurechtkommen, zählt Humor zu den reifen Abwehrmechanismen. Reif heißt in diesem Sinn, dass er die Last senkt und dabei die Wirklichkeit nicht verzerrt. Gerade bei Witzen auf eigene Rechnung bricht das am schnellsten weg, weil dasselbe Werkzeug eine unangenehme Sache verarbeiten und auch wegschieben kann. Wo dazwischen die Grenze liegt, behandelt der Text über Humor als Abwehrmechanismus.
Lachen Sie mit sich oder unter sich?
Es gibt eine einfache Probe, und sie liegt nicht im Inhalt des Witzes. Sie liegt darin, was zehn Sekunden nach dem Verklingen des Lachens mit Ihnen passiert. Gesunde Selbstironie hinterlässt Leichtigkeit, als hätten Sie einen Rucksack abgesetzt. Eine Abwertung hinterlässt ein schwaches Stechen und damit den Drang, das irgendwie nachzuerklären oder sofort etwas Weiteres zu sagen.
Erinnern Sie sich an den letzten Witz auf eigene Rechnung? Wer war im Raum, warum haben Sie ihn genau da gemacht und wie ging es Ihnen eine Minute später? Die Antwort auf die letzte Frage ist meist genauer als jedes Nachdenken darüber, was für einen Humor Sie haben.
Der zweite Anhaltspunkt ist die Urheberschaft. Haben Sie die Zielscheibe gewählt, weil das die witzigste Möglichkeit war, oder weil die Stille unangenehm geworden war und dies der schnellste Weg ist, sie zu füllen? Wahl und Flucht sehen von außen gleich aus. Von innen werden sie nur selten verwechselt.
Und drittens die Probe mit der Stille. Selbstironie hält sie aus, weil der Witz ein Nebenprodukt einer Gelassenheit war, die Sie auch ohne Publikum haben. Die Abwertung hält Stille nicht aus, weil das Lachen ihr einziger Lohn ist. Wenn niemand lacht, bleibt auf dem Tisch nur das liegen, was Sie über sich gesagt haben. Wenn Sie wissen möchten, in welchem Verhältnis sich diese vier Lagen bei Ihnen mischen, gibt Ihnen ein kurzer Humorstil-Test eine ungefähre Orientierung.
Wann Sie die Zielscheibe besetzen und wann Sie sie frei lassen
Eine brauchbare Regel lautet: Besetzen Sie die Zielscheibe dort, wo Ihre Kompetenz von anderer Seite sichtbar ist. Ein kleiner Fehltritt in einem Bereich, in dem Sie die Leute als verlässlich kennen, ist ein Witz. Derselbe Fehltritt in einem Bereich, in dem sie sich Ihrer noch nicht sicher sind, ist kein Witz, sondern ein Beleg. Deshalb passt Selbstironie zu einer erfahrenen Ärztin und nicht zu einem Studenten in der Prüfung, obwohl beide dasselbe sagen.
Lassen Sie die Zielscheibe in drei Situationen frei. Wenn Sie etwas durchsetzen müssen und die Leute Ihrer Version glauben sollen. Wenn Sie gerade wirklich unten sind, weil der Witz über das eigene Scheitern in so einem Moment nur der schnellere Weg zum selben Schluss ist. Und wenn Ihre Umgebung noch nichts hat, womit sie Sie vergleichen könnte.
| Situation | Selbstironie | Selbstabwertung |
|---|---|---|
| Sie kommen zehn Minuten zu spät zur Besprechung. | "Mein Kalender hat mich heute Morgen glatt angelogen." Die Spannung fällt und es geht weiter. | "Ich bin einfach zu nichts zu gebrauchen, Entschuldigung." Der Raum beschäftigt sich jetzt mit Ihnen und nicht mit der Tagesordnung. |
| Sie bekommen sachliche Kritik an Ihrer Arbeit. | Sie räumen den konkreten Fehler leicht ein und fragen, wie er zu beheben ist. | Sie werfen gleich Ihr ganzes Können hin. Das Gegenüber schaltet vom Korrigieren aufs Trösten um und schweigt beim nächsten Mal lieber. |
| Der neue Kollege ist am ersten Tag unsicher. | Sie holen die eigene Anfängerblamage aus dem ersten Job hervor. Nach kurzer Zeit entspannt er sich. | Sie schütten eine Reihe von Geschichten darüber aus, wie wenig Ihnen gelingt. Der neue Kollege weiß nicht, ob er lachen soll. |
| Jemand lobt Sie für ein Ergebnis. | Sie bedanken sich und setzen eine Übertreibung darüber drauf, wie viele frühere Fassungen nichts taugten. | Sie wischen das Lob vom Tisch. Wer gelobt hat, macht sich beim nächsten Mal keine Mühe mehr. |
| Sie haben eine wirklich miserable Woche hinter sich. | Sie sagen geradeheraus, dass es miserabel ist, und heben sich den Witz für später auf. | Sie machen daraus eine Nummer für die anderen und spielen sie sich abends noch einmal vor. |
Eine Rolle spielt auch, wer im Raum höher steht. Eine Chefin, die sich über den eigenen Fehltritt lustig macht, senkt die Spannung und riskiert dabei nichts, weil ihre Position von etwas anderem getragen wird als vom Eindruck einer Besprechung. Derselbe Satz von der jüngsten Person im Team liest sich völlig anders: oft als Bitte um Bestätigung, auf die jemand antworten muss. Selbstironie von oben ist ein Geschenk, Selbstironie von unten ist meist eine Rechnung, die die anderen mit Beruhigen bezahlen.
Besonders tückisch ist die schriftliche Form. Im Chat und in der E-Mail fehlen Tonfall und Tempo, genau das, was bei Selbstironie den ganzen Sinn trägt. Der Satz darüber, wie Sie es schon wieder verbockt haben, klingt live leicht und in einer Zeile Text wie eine Klage oder wie die Jagd nach Trost. Die geschriebene Fassung bleibt zudem stehen. Ein Witz beim Kaffee löst sich innerhalb einer Minute auf, derselbe Witz im Arbeitskanal lässt sich nach Monaten hochscrollen.
Neben der Situation spielt die Dosis eine Rolle. Einen Witz auf eigene Rechnung pro Abend legen die Leute als Gelassenheit ab, den fünften als Thema. Dabei geht es um keine Tabelle, die Grenze ist zu hören, sobald die Umgebung aufhört zu lachen und anfängt zu beruhigen.
Die nützlichste Veränderung ist allerdings sprachlich und dauert eine Sekunde. Tauschen Sie eine dauerhafte Eigenschaft gegen eine einmalige Situation. Der Satz, Sie seien ein chaotischer Mensch, ist eine Behauptung über Ihr Wesen, und die anderen nehmen sie als Information. Der Satz, der Kalender habe Sie heute Morgen überlistet, beschreibt einen bestimmten Morgen. Das Lachen ist meist dasselbe, der Rest nicht. Ein Humorstil ist ohnehin eine Gewohnheit und kein Urteil über den Charakter, und Gewohnheiten schreibt man Satz für Satz um.
Die Woche, in der Sie es zusammenzählen
Versuchen Sie sieben Tage lang eine Sache. Jedes Mal, wenn Sie einen Witz auf eigene Rechnung machen, notieren Sie sich im Telefon drei Angaben: wo Sie waren, wer dabei war und ob es Ihnen danach leichter ging oder nicht. Mehr müssen Sie nicht bedenken und verbieten müssen Sie sich nichts.
Nach einer Woche schält sich aus diesen paar Zeilen meist ein Muster heraus, das von innen schwer zu sehen ist. Bei den meisten Menschen häufen sich Witze über sich selbst bei bestimmten Personen und in bestimmten Räumen und verteilen sich nicht gleichmäßig über das ganze Leben. Lukas vom Anfang hat zwei solche Räume, und in einem davon sitzen zwei Kollegen, die sich seine Geschichten besser merken als er selbst.

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