Lukas hat am Dienstag seinen Vater verloren. Am Donnerstag stand er in der Trauerhalle, nahm Beileidsbekundungen entgegen und sagte einer Tante zwischendurch, seinem Vater sei es am Ende doch noch gelungen, die ganze Familie in einem Raum zu versammeln, nur habe er dafür sterben müssen. Die Tante lachte, bevor sie sich bremsen konnte.
Gelacht haben beide. Niemand hielt Lukas deshalb für gefühllos, und den meisten im Saal war die Erleichterung anzusehen. Auf der Heimfahrt im Auto sagte er dann kein Wort mehr.
Diesen Widerspruch kennt die Psychologie und hat einen Begriff dafür. Humor zählt zu den Abwehrmechanismen und steht in einer bestimmten Rangfolge ganz oben, in einer Gesellschaft, die man dort nicht vermuten würde.
Abwehr, die man sich nicht aussucht
Der Begriff Abwehrmechanismus stammt von Sigmund Freud, und die Auflistung der einzelnen Abwehrformen hat nach ihm seine Tochter Anna vervollständigt. Der Gedanke dahinter ist schlicht: Gerät die Psyche unter einen Druck, den sie ungefiltert nicht tragen könnte, schaltet sich von allein etwas ein, das diesen Druck senkt. Auf Kommando geschieht das nicht, und meist bemerken Sie es nicht einmal, weil die Abwehr abgelaufen ist, bevor irgendeine Entscheidung fällt.
Die Verleugnung behauptet, es geschehe nichts. Die Rationalisierung liefert eine vernünftige Erklärung für etwas, das Sie aus einem ganz anderen Grund getan haben. Und Wut, die sich nicht aushalten lässt, findet sich erstaunlich leicht beim Gegenüber wieder. Nichts davon ist ein Charakterfehler. Es sind Wege, über einen Moment hinwegzukommen, für den gerade die Kraft fehlt.
Der amerikanische Psychiater George Vaillant verbrachte Jahrzehnte mit Langzeitstudien, in denen dieselben Menschen von der Jugend bis ins Alter begleitet wurden, und bemerkte dabei, dass die Abwehrformen nicht gleichwertig sind. Manche entlasten kurzfristig und schaden auf Dauer, weil sie den Menschen von der Realität und von den Menschen um ihn herum entfernen. Andere tun das Gegenteil. Die zweite Gruppe nannte er reife Abwehr und zählte Altruismus, Sublimierung und eben Humor dazu.
Darin steckt etwas Unerwartetes. Was die reifen Abwehrformen verbindet, ist nicht, dass sie angenehmer oder freundlicher wären. Es ist, dass sie die Realität stehen lassen, wo sie steht. Die Verleugnung braucht für ihre Funktion, dass Sie nicht hinsehen. Humor braucht das genaue Gegenteil: Sie müssen die Sache ganz genau sehen, sonst gibt es nichts, worüber sich ein Scherz machen ließe.
Vaillants Studien zeigten noch etwas. Die Abwehr verändert sich im Lauf eines Lebens. Wer mit zwanzig auf eine Panne reagierte, indem er die Schuld irgendwohin nach außen schob, greift mit vierzig womöglich zur Selbstironie, ohne das je bewusst gelernt zu haben. Das Repertoire verschiebt sich also mit dem Alter, und Humor ist darin eher ein Zugewinn als eine Ausstattung von Anfang an.
Abstand ohne Verleugnung
Ein Scherz arbeitet immer mit dem Unterschied zwischen dem, was erwartet wird, und dem, was kommt. In der Krise erzeugt er diesen Unterschied, indem er die Sache für eine Sekunde verkleinert oder sie neben etwas lächerlich Kleines stellt. Die Fakten bleiben. Es ändert sich der Maßstab, in dem Sie sie gerade halten.
Deshalb lohnt es sich, Humor in einer schweren Stunde als kurze Pause zu betrachten und nicht als Lösung. Eine Diagnose verschwindet nach einer Pointe nicht, und die Kündigung gilt weiter. Sie gewinnen aber ein paar Sekunden, in denen die Sache Sie nicht ganz besetzt, und aus diesen paar Sekunden lässt sich heraustreten und ein nächster Schritt tun.
Wesentlich ist der Satz, den man sich dabei eigentlich sagt: Ich sehe, was geschieht, und trotzdem trage ich es. Die Verleugnung würde sagen, es geschehe nichts. Die Resignation würde sagen, ich trage es nicht. Humor hält beides zugleich, und genau deshalb ist er für das Umfeld oft so unbequem. Niemand weiß sicher, ob er mit Ihnen lachen darf.
Selten wird erwähnt, dass diese Abwehr auch nach außen arbeitet. Ein Scherz am Krankenbett oder bei einer Beerdigung ist eine Nachricht an alle anderen: Ihr dürft bleiben, ihr müsst um mich herum nicht auf Zehenspitzen gehen. Menschen fliehen vor schweren Situationen meist nicht aus Kälte, sondern aus Angst, etwas Falsches zu sagen. Humor nimmt ihnen diese Angst und hält sie in der Nähe, und das ist genau das, was jemand in einer Krise am dringendsten braucht.
Humor ist allerdings nur eines der Werkzeuge, die Ihnen unter Belastung zur Verfügung stehen, und er verträgt es nicht, dass alles auf ihm ruht. Was regelmäßige Bewegung, Schlaf oder das schlichte Benennen dessen, was gerade los ist, mit einer Last anstellen, behandelt ein eigener Text darüber, wie Sie Stress je nach Persönlichkeitstyp bewältigen.
Der Galgenhumor derer, die das Schlimmste sehen
Wer einmal gehört hat, wie sich Rettungskräfte am Ende einer Nachtschicht unterhalten, weiß, dass Berufshumor für fremde Ohren schwer verdaulich ist. Rettungsdienst, Feuerwehr, Bestattung, Chirurgie, Mordkommission. Überall dort kursiert ein Vokabular, das bei einer Familienfeier eisiges Schweigen und das Ende des Abends bedeuten würde.
Es geht dabei nicht um Zynismus, auch wenn es so klingt. Es ist Galgenhumor, also das Scherzen über eine Sache, die gerade Ihnen oder direkt vor Ihnen passiert. Er hält den Druck über eine ganze Schicht hinweg auf erträglichem Niveau und funktioniert nur nach innen: unter Menschen, die dasselbe sehen und wissen, auf wessen Seite Sie stehen. Derselbe Satz, einem Angehörigen gesagt, wäre eine Grausamkeit.
Unter Komikern kursiert die Regel, Komödie sei Tragödie plus Zeit. Erst geschieht das Unglück, dann vergeht genug davon, und erst danach lässt sich ein Scherz daraus machen. Der Galgenhumor umgeht diese Gleichung und streicht die Zeit heraus. Erlaubt ist das aber nur dem, den es betrifft, und darin liegt der ganze Unterschied zwischen schwarzem Humor und Spott: Der Galgenscherz zielt auf die Situation und wird von jemandem erzählt, der mitten darin steht. Spott zielt auf einen Menschen und wird von jemandem von außen erzählt. Was die Forschung sonst noch über das Wesen des schwarzen Humors herausgefunden hat, beschreibt der Text darüber, wem schwarzer Humor liegt.
Die praktische Folge ist einfach, und viele verstoßen in bester Absicht dagegen. Beim Unglück eines anderen warten Sie, bis der Scherz von dem kommt, den es betrifft. Kommt er, dürfen Sie einsteigen. Vorher nicht, denn wer zuerst lacht, nimmt sich einen Abstand, auf den er keinen Anspruch hat.
Wenn aus Gelassenheit ein Ausweichen wird
Sabine und ihr Partner leben seit sechs Jahren zusammen. Als er im vergangenen Jahr mehrmals die Frage aufmachen wollte, wie es ihnen miteinander eigentlich geht, bekam er jedes Mal eine geschickte Antwort. Einmal, Beziehungsgespräche gehörten in Serien, ein andermal, dafür müssten sie sich einen Moderator besorgen. Beide lachten. Beim dritten Mal fragte er nicht mehr.
Sabine lügt nicht und verbirgt nichts vor ihm. Ihr Humor tut genau das, wofür Abwehr gut ist, er nimmt den Druck weg. Das Problem ist, dass Druck, der einen Menschen irgendwohin bewegen soll, gerade nicht weggenommen gehört.
Den Unterschied zwischen Gelassenheit und Ausweichen erkennen Sie nicht am Scherz selbst. Sie erkennen ihn daran, was danach passiert.
| Worauf zu achten ist | Humor als Gelassenheit | Humor als Ausweichen |
|---|---|---|
| Wann der Scherz kommt | Erst nachdem die schwere Sache laut ausgesprochen war. | Immer knapp bevor sie ausgesprochen werden müsste. |
| Was mit dem Thema geschieht | Sie kommen darauf zurück, nur mit weniger Gewicht. | Es verschwindet vom Tisch, und beim nächsten Mal fängt alles bei null an. |
| Wie es Ihnen nach dem Lachen geht | Eine Entspannung, die eine Weile anhält. | Eine Sekunde Erleichterung und gleich danach Leere. |
| Was das Umfeld tut | Es fragt weiter, weil es weiß, dass sich mit Ihnen reden lässt. | Es hört nach und nach auf zu fragen. |
Am verlässlichsten ist die letzte Zeile, weil Sie sie nicht selbst beurteilen müssen. Wenn die Menschen um Sie herum aufgehört haben, nach Dingen zu fragen, über die früher gesprochen wurde, steckt dahinter selten Desinteresse. Meist haben sie genug Anläufe hinter sich, die im Lachen endeten, und diese als verschlossene Tür verbucht.
Der zweite Hinweis ist die Wiederholung. Ein Scherz im falschen Moment bedeutet gar nichts, Humor ist eine Gewohnheit, und Gewohnheiten lösen sich von selbst aus. Aufmerksam werden sollten Sie erst, wenn der Scherz jedes Mal an derselben Stelle des Gesprächs kommt, als säße dort ein Schloss.
Die Frage, die es erkennt
Es gibt eine Probe, die fünf Sekunden dauert und unangenehm treffsicher ist. Wenn Ihnen das nächste Mal ein Scherz einfällt, während das Gespräch auf etwas Ernstes zusteuert, fragen Sie sich: Was würde passieren, wenn ich diesen Satz ohne ihn sagte?
Bei Gelassenheit kommt Langeweile heraus. Der Satz klänge genauso, nur weniger unterhaltsam, und nichts Besonderes würde folgen. Beim Ausweichen meldet sich etwas anderes. Ein Zurückzucken, die Vorstellung der Stille, die dann käme, oder der schlichte Gedanke, das wäre zu viel. Dieses Zucken ist eine Information. Der Scherz erzeugt in diesem Moment keinen Abstand, er erzeugt eine Tür.
Wann haben Sie zuletzt etwas Schweres ganz gerade gesagt, ohne Auflockerung am Satzende? Wenn Ihnen dazu nichts einfällt, ist das kein Grund zur Beunruhigung, aber eine Angabe, die mehr Aufmerksamkeit verdient als jeder Fragebogen.
Am häufigsten übernimmt diese Rolle der Scherz auf eigene Kosten. Er kommt einem möglichen Urteil zuvor, indem Sie die Zielscheibe selbst besetzen, und das Umfeld fragt danach nicht weiter, Sie haben ja selbst gesagt, so schlimm sei es nicht. Wo die Selbstironie, die entwaffnet, endet und das Kleinmachen beginnt, nach dem Sie ohne Rückhalt dastehen, behandelt ein eigener Text über Selbstironie.
Beachtenswert ist auch, zu welcher Art von Humor Sie zuerst greifen, denn jede verhält sich unter Belastung anders. Selbststärkende Gelassenheit trägt Sie an einem miserablen Tag ohne fremde Hilfe. Scharfer Humor lässt Ärger heraus, manchmal auch in jemanden hinein. Verbindender Humor löst die Last in Gesellschaft auf, dafür braucht er allerdings Gesellschaft, und die ist gerade womöglich nicht zur Hand. Ein Überblick über alle vier Humorstile zeigt, was jeder kann und was er kostet; wo Sie auf diesen Skalen stehen, deutet ein kurzer Humorstil-Test an. Keiner der Stile ist ein Urteil über den Charakter, es sind Gewohnheiten, und mit denen lässt sich arbeiten.
Wenn es für Humor zu viel wird
Abwehr hat ihre Grenze, und es ist redlich, sie auszusprechen. Humor ist ein Werkzeug für einen Moment und für eine Welle, keine tragende Wand. Wenn die Last Monate anhält, wenn immer über dasselbe gescherzt wird und die Erleichterung immer kürzer ausfällt, liegt der Fehler nicht beim Humor. Er reicht dafür nur allein nicht mehr aus.
Ein paar konkrete Signale, bei denen es sich lohnt, damit nicht allein zu bleiben:
- eine Schwere, die seit mehreren Monaten nicht nachgelassen hat und keinen sichtbaren Auslöser hat
- Scherze darüber, es wäre besser, nicht mehr da zu sein, auch wenn Sie sie mit einem Lächeln sagen
- Schlaf, Appetit oder die Lust auf Dinge, die Ihnen früher Freude machten, haben sich verändert und sind nicht zurückgekommen
- das Gefühl, mit niemandem ernsthaft reden zu können, weil Sie sich in die Rolle des Lustigen hineingeredet haben
In einem solchen Moment zu einer Psychologin oder einem Psychologen zu gehen, ist weder ein Eingeständnis der Niederlage noch ein Urteil über Ihren Charakter. Es ist ungefähr dasselbe, wie mit einem schmerzenden Knie zum Arzt zu gehen, statt noch ein halbes Jahr zu humpeln. Den Humor nimmt Ihnen dort niemand, in der Praxis darf gelacht werden. Anders ist einzig, dass nach dem Scherz niemand das Thema verlässt.
Lukas hat den Satz über die Familie und den einen Raum etwa zwei Monate später noch einmal gesagt, einem Freund beim Bier. Diesmal ohne Pointe und ohne auf ein Lachen zu warten. Der Freund lachte trotzdem, denn der Satz ist immer noch komisch. Der Unterschied war, dass das Gespräch damit nicht endete.

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