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Arbeit und Produktivität

Arten der Prokrastination: 3 Gründe fürs Aufschieben

Langeweile, Angst oder Ablenkung? Die drei Quellen der Prokrastination, wie Sie Ihre dominante erkennen und was jeweils wirklich hilft.

Drei Menschen in einem Team sollen bis Freitag dieselbe Präsentation abgeben. Stefan öffnet sie am Dienstag, liest die erste Folie und schließt die Datei wieder, weil ihn das Thema fast körperlich langweilt. Julia öffnet die Datei fünfmal am Tag, schreibt eine Überschrift um und löscht sie gleich wieder. Ihr Kollege Michael hat wirklich angefangen, dann kam eine Nachricht, danach hat er "nur kurz" etwas im Netz nachgeschlagen, und plötzlich war es halb fünf.

Von außen ist das ein und dasselbe Verhalten: Am Freitagmorgen ist niemand fertig. Von innen sind es drei völlig verschiedene Geschichten. Genau deshalb lohnt es sich, von Arten der Prokrastination zu sprechen statt von Prokrastination als einer einzigen Eigenschaft. Der Rat, der Stefan auf die Beine bringt, schadet Julia zuverlässig.

Das Etikett "Aufschieber" löst nichts

Die Bezeichnung Aufschieber beschreibt das Ergebnis, nicht die Ursache. Das ist ungefähr so, als würden Sie drei Menschen mit Fieber erklären, sie seien "Fiebernde", und ihnen dasselbe Medikament verordnen. Aufschieben entsteht aus unterschiedlichen Gefühlen, und genau dieses Gefühl entscheidet darüber, was wirken wird.

Piers Steel hat in seiner Metaanalyse von 2007 Hunderte Studien durchgesehen und kam zu dem Schluss, dass der stärkste Persönlichkeitsprädiktor für Aufschieben die Impulsivität ist. Unter den wichtigsten situativen Gründen steht dabei die Aufgabenaversion, also die schlichte Tatsache, dass man auf etwas keine Lust hat. Schon das deutet darauf hin, dass unter demselben Verhalten mindestens zwei verschiedene Motoren laufen.

Fuschia Sirois und Tim Pychyl haben 2013 beschrieben, was diese Motoren verbindet: Prokrastination funktioniert als kurzfristige Reparatur der Stimmung. Das Verschieben nimmt das unangenehme Gefühl sofort weg, und das Gehirn merkt sich diese Erleichterung gut. Aufschieben ist damit ein Problem der Emotionsregulation, kein Problem des Zeitmanagements und schon gar keines der Faulheit.

Damit erklärt sich, warum die meisten allgemeinen Ratschläge scheitern. Kalender, Aufgaben-App und Prioritätensystem regeln den Ablauf, nur war der Ablauf nie das Problem. Niemand verschiebt ein unangenehmes Telefonat, weil er nicht wüsste, wann er Zeit hat.

Die Arten der Prokrastination unterscheiden sich darin, vor welchem Gefühl Sie davonlaufen. Im Kalender sehen Langeweile, Sorge um das Ergebnis und die Lust auf etwas sofort Interessanteres völlig gleich aus. Im Kopf nicht. Erinnern Sie sich an die letzte Sache, die Sie geschoben haben, und vor allem daran, was Sie in diesem Moment gefühlt haben?

Aufschieben aus Langeweile und Aufgabenaversion

Die erste Quelle lässt sich in einem Satz zusammenfassen: "noch nicht, dazu habe ich gerade keine Lust." Die Aufgabe ist weder schwer noch bedrohlich. Sie ist öde. Reisekostenabrechnung, das Abtippen von Besprechungsnotizen, die Aktualisierung einer Tabelle, die ohnehin niemand liest.

Stefan aus der Einleitung ist ein Lehrbuchfall. Drei Stunden am Stück kann er an etwas feilen, das ihm Spaß macht, aber an einem Formular von fünfzehn Minuten scheitert er den vierten Tag in Folge. Ihm fehlt weder Energie noch Können, ihm fehlt ein Grund, es ausgerechnet jetzt zu tun. Der Verstand bietet in solchen Momenten einen scheinbar vernünftigen Kompromiss an: Ich mache es, sobald ich besser gelaunt bin.

Erkennbar ist dieser Typ an der Auswahl der Arbeit, nicht an ihrer Menge. Menschen, die Prokrastination aus Langeweile ausbremst, haben abends oft eine Menge geschafft. Nur eben nicht die eine Sache auf der Liste, die dort seit letzter Woche steht.

Ein paar Signale, an denen sich diese Quelle zeigt:

  • die Aufgabe wäre in zwanzig Minuten erledigt, steht aber schon die dritte Woche auf der Liste
  • wenn Sie endlich anfangen, überrascht Sie, wie schnell es vorbei ist
  • statt der aufgeschobenen Sache machen Sie meist andere Arbeit, nicht etwas Angenehmes
  • das erste Wort, das Ihnen dazu einfällt, lautet "lästig"

Es hilft alles, was der Aufgabe Reiz gibt oder sie verkürzt: ein Timer auf zwanzig Minuten, Arbeit zu zweit, Musik, das Bündeln öder Aufgaben in einen Block mit klarem Ende. Ein strengerer Plan und mehr Puffer verschlimmern die Lage dagegen meistens, weil sie die Zeitspanne verlängern, in der Sie mit sich selbst verhandeln können.

Aufschieben aus Angst und Perfektionismus

Die zweite Quelle spricht anders: "das ist noch nicht gut genug." Hier verschieben Sie eine Sache, die Ihnen wichtig ist, und Sie verschieben sie gerade deshalb, weil sie Ihnen wichtig ist. Solange Sie nicht angefangen haben, bleibt das Ergebnis theoretisch großartig. Die erste unfertige Fassung reißt diese Illusion ein.

Julia kreiste eine ganze Woche um die Präsentation. Sie las drei ähnliche Präsentationen der Konkurrenz, passte zweimal die Vorlage an und schrieb zweimal die Einstiegsfolie, um sie danach zu markieren und zu löschen. Hätte jemand die Zeit gemessen, die sie damit verbracht hat, käme mehr heraus als bei Stefan und Michael zusammen.

Und hier kommt der unangenehm kontraintuitive Teil: Menschen mit dieser Quelle wirken normalerweise nicht wie Aufschieber. Sie sind oft gewissenhaft, fleißig und sehen beschäftigt aus, weil sie sich stundenlang mit Vorbereitung, Recherche und Formfragen befassen. Der Aufschub versteckt sich in Arbeit, die nützlich aussieht, verschiebt aber den Moment, in dem etwas Bewertbares entstehen soll.

Aufgelöst wird das meist erst durch den Termin. Wenn bis zur Abgabe noch ein paar Stunden bleiben, sinkt die Latte von selbst, und das Gehirn erlaubt endlich Arbeit, die "nur gut" ist. Deshalb versagt bei diesem Typ der Rat "nimm dir mehr Zeit dafür": Eine längere Frist bedeutet eine längere Phase, in der man zweifeln kann, und einen genauso hektischen Schluss.

Wirksam ist das bewusste Senken der Latte für die erste Fassung, die Trennung von Schreiben und Überarbeiten und eine vorab vereinbarte Definition dessen, was "fertig" heißt. Noch besser tun Sie sich, wenn Sie Unfertiges früher zeigen, als Ihnen danach ist. Die Zusammenhänge rund um Perfektionismus und Prokrastination lohnen eine eigene Lektüre, denn diese Quelle gibt sich gern als Tugend aus.

Aufschieben aus Impulsivität und Ablenkung

Die dritte Quelle hat den kürzesten inneren Satz: "ich schaue nur kurz eine Sache an." Die Aufgabe stört Sie nicht, vielleicht haben Sie sie sogar problemlos begonnen. Nur tauchte unterwegs etwas auf, das sofort eine Belohnung versprach, und die Aufmerksamkeit war schon umgezogen, bevor Sie eine Entscheidung bemerkt hatten.

Michael hat die Präsentation am Montag tatsächlich geöffnet. Es kam eine Nachricht von einem Kollegen, die zu erledigen war, dann musste er eine Zahl prüfen, woraufhin sich im Browser elf Tabs angesammelt hatten und von der ursprünglichen Datei zwei Absätze übrig waren. Abends hatte er das Gefühl, der ganze Tag sei irgendwohin verschwunden, und er konnte nicht genau sagen, wohin.

Steels Befund zur Impulsivität zielt genau hierher. Der Unterschied zu den ersten beiden Quellen liegt darin, wo der Auslöser sitzt: nicht in der Aufgabe, sondern in der Umgebung. Aufgeschoben wird deshalb nicht in Tagen, sondern in Minuten, die sich summieren.

Tückisch ist vor allem der Preis der Rückkehr. Jeder Abstecher kostet mehr als die paar Minuten, die er gedauert hat, denn in angefangene Arbeit kommt man langsam zurück und muss sich erst wieder vergegenwärtigen, wo man aufgehört hat. Die Umgebung nutzt das obendrein gut aus: Apps und Nachrichten sind so gebaut, dass die Belohnung eintrifft, bevor Sie abwägen können, ob Sie sie überhaupt wollen.

Wirksam ist deshalb, die Umgebung zu ändern, nicht die Motivation. Geschlossene Tabs, Telefon im anderen Zimmer, eine einzige sichtbare Aufgabe auf dem Bildschirm, ein fester Zeitblock. Wer Prokrastination und Ablenkung mit einer Rede über Disziplin angeht, kämpft gegen ein System in gewaltiger Überzahl.

Die drei Quellen nebeneinander

Die folgende Tabelle fasst zusammen, worin sich die einzelnen Typen von Aufschiebern in der Praxis unterscheiden. Versuchen Sie bei jeder Zeile zu schätzen, wie oft Ihnen das passiert.

Quelle Auslöser Innerer Satz Typisches Zeichen Was hilft
Langeweile und Aversion Die Aufgabe ist öde oder Routine "Noch nicht, dazu habe ich gerade keine Lust." Die übrige Arbeit läuft, ein Punkt liegt wochenlang Kurze Blöcke mit Timer, Reiz, Bündeln öder Aufgaben
Angst und Perfektionismus Das Risiko, dass das Ergebnis nicht gut genug wird "Das ist noch nicht gut genug." Endlose Vorbereitung, Umschreiben des Anfangs, Warten auf ideale Bedingungen Bewusst grobe erste Fassung, klare Definition von fertig, frühes Feedback
Impulsivität und Ablenkung Ein Reiz aus der Umgebung mit sofortiger Belohnung "Ich schaue nur kurz eine Sache an." Die Arbeit startet, zerfällt aber in Dutzende Minuten-Abstecher Umgebung anpassen, eine einzige sichtbare Aufgabe, Reibung zwischen Ihnen und der Ablenkung

Die meisten Menschen tragen alle drei Quellen im Profil, nur in unterschiedlicher Stärke. Entscheidend ist die dominante, weil sie bestimmt, wo der Anfang sinnvoll ist. Interessant ist auch die zweitstärkste: Angst zusammen mit Ablenkung sieht anders aus als Angst zusammen mit Langeweile, obwohl beides zum leeren Dokument führt.

Was, wenn Sie sich in keiner wiedererkennen

Manchmal fällt das Profil ausgeglichen aus, keine Quelle liegt also deutlich vorn. Das ist kein Messfehler und auch kein Zeichen dafür, dass Aufschieben bei Ihnen kein Thema wäre. Es bedeutet situatives Aufschieben: Sie reagieren je nach Art der Aufgabe, nicht nach einem stabilen Muster.

So jemand verschiebt die Steuererklärung aus Langeweile, die Präsentation für die Geschäftsführung aus Sorge vor der Bewertung und das Schreiben eines Textes wegen des offenen Chats. Der Umgang damit sieht dann anders aus. Statt einer einzigen Strategie müssen Sie erkennen, um welchen Fall es gerade geht, und zur passenden Lösung aus der Tabelle oben greifen.

Die Quelle kann sich außerdem mit dem Kontext ändern. In einem Job, der Ihnen Spaß macht, meldet sich eher die Ablenkung, beim Lernen aus Pflichtgefühl die Langeweile und bei Dingen, in denen Sie jemand bewertet, die Sorge. Deshalb ist es sinnvoll, das eigene Profil erneut zu bestimmen, wenn sich Arbeit oder Lebenssituation deutlich verändern.

Die eigene Hauptquelle lässt sich auf zwei Wegen herausfinden. Der erste ist Beobachtung: Notieren Sie eine Woche lang zu jeder verschobenen Sache zwei Wörter darüber, was Sie in diesem Moment gefühlt haben. Der zweite ist ein strukturierter Blick von außen, denn eigene Gründe erklären wir uns oft so, dass sie vernünftiger klingen, als sie waren. Dafür gibt es unseren Prokrastinations-Test: 21 Fragen, rund drei Minuten, und als Ergebnis die Verteilung aller drei Quellen samt der dominanten.

Nehmen Sie ihn als Werkzeug zur Selbsterkenntnis, nicht als Diagnostik. Ziel ist kein genaueres Etikett als "Aufschieber", sondern das Wissen, welchem Gefühl Sie eigentlich ausweichen, wenn Sie das nächste Mal das Dokument schließen und Tee kochen gehen.

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