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Persönlichkeit und Selbsterkenntnis

Emotionalität im HEXACO-Modell: Angst und Fürsorge

Was der Buchstabe E im HEXACO-Modell misst, warum Ärger zur Verträglichkeit gehört und wie hohe und niedrige Emotionalität im Alltag wirken.

Auf halber Strecke nach Amsterdam fällt das Flugzeug durch. Nichts Dramatisches, fünfzehn Sekunden Rütteln und die Anschnallzeichen leuchten wieder.

Julia umklammert die Armlehne und lässt sie zehn Minuten lang nicht los. Stefan neben ihr hebt den Blick nicht von seiner Tabelle. Nach der Landung passiert dann etwas, das man umgekehrt erwarten würde. Julia sieht, dass die Frau in Reihe drei kreidebleich ist, holt ihr eine Flasche Wasser am Automaten und begleitet sie bis zur Gepäckausgabe. Stefan erledigt in der Zwischenzeit zwei Telefonate und erinnert sich an die Frau erst, als ihn jemand nach ihr fragt.

Angst um sich selbst und Sorge um andere sehen nicht nach einer einzigen Eigenschaft aus. Im Sechs-Faktoren-Modell der Persönlichkeit sitzen sie trotzdem unter demselben Buchstaben.

Was unter dem Buchstaben E Platz findet

Das HEXACO-Modell beschreibt die Persönlichkeit über sechs Merkmale, und das E in seinem Namen steht für Emotionalität. Es geht nicht darum, wie stark Sie Dinge allgemein erleben. Freude, Begeisterung und die Lust auf Gesellschaft gehören nicht hierher, die fallen unter Extraversion.

Emotionalität dreht sich um eine einzige Frage: Wie fein sind Sie auf Bedrohung eingestellt, auf die eigene und auf die fremde? Sie setzt sich aus vier Bereichen zusammen, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben, in den Daten aber zusammenhalten.

Bereich Worum es geht Wie das in einer normalen Woche aussieht
Furchtsamkeit Reaktion auf körperliches Risiko und Schmerz Auf der Piste nehmen Sie die blaue, obwohl Sie die rote fahren könnten
Besorgtheit Ausmaß an Spannung und Grübeln rund um alltägliche Pflichten Eine unfertige Aufgabe liegt Ihnen abends vor der Serie noch im Kopf
Bedürfnis nach Rückhalt Bereitschaft, Schwierigkeiten mit Nahestehenden zu teilen und Hilfe anzunehmen Bevor Sie auf eine unangenehme Mail antworten, sprechen Sie sie mit Ihrer Partnerin durch
Sentimentalität Gefühlsbindung an Menschen und Mitgefühl für ihren Kummer Ein Abschied am Bahnsteig rührt Sie mehr, als Sie erwartet hätten

Es handelt sich um eine Skala, nicht um zwei Schubladen. Die meisten Menschen liegen irgendwo in der Mitte, und selbst ein hoher Wert bedeutet eher ein waches Alarmsystem als tägliche Panik. Innerhalb dieser einen Zahl lassen sich die Bereiche außerdem unterschiedlich kombinieren: Sie kennen sicher jemanden, der die steilste Abfahrt ohne Wimpernzucken nimmt und im Kino bei Filmen weint.

Eine Sache ist noch erwähnenswert. Emotionalität ist von allen sechs Merkmalen dasjenige, bei dem die Durchschnittswerte von Männern und Frauen in den Daten am weitesten auseinandergehen, wobei Frauen höher abschneiden. Ein Durchschnitt sagt allerdings nichts über einen einzelnen Menschen, weil sich die beiden Verteilungen zum größten Teil überlappen. Die eigene Zahl zu kennen ist deshalb nützlicher, als sie aus dem Eintrag im Ausweis zu erschließen.

Wo ist der Ärger geblieben

Wer die Big Five kennt, erwartet unter E etwas wie Neurotizismus. Die Ähnlichkeit ist da, beide Skalen messen die Neigung zu Angst und Spannung. Die Grenze zwischen den Faktoren verläuft jedoch anders, und genau dieser Unterschied macht aus Emotionalität einen eigenständigen Begriff.

Hinter der Verschiebung steht die Arbeit zweier kanadischer Psychologen. Michael Ashton und Kibeom Lee analysierten ab der Jahrtausendwende Adjektivwortschätze in einer Reihe von Sprachen, unter anderem im Niederländischen, Deutschen, Ungarischen, Italienischen, Koreanischen und Polnischen. 2004 fassten sie zusammen, dass Charakterbeschreibungen sich in diesen Sprachen wiederholt zu sechs Gruppen ordnen und nicht zu fünf. Und vor allem: Wörter wie reizbar, hitzköpfig oder aufbrausend blieben nicht bei der Angst, sondern bei jener Gruppe, aus der die Verträglichkeit wurde.

Neurotizismus im Fünf-Faktoren-Modell vermischt also zwei Dinge, die HEXACO trennt. Die Unterschiede lohnen eine Auflistung:

  • Ärger und Aufbrausen gehören in HEXACO zur Verträglichkeit, genauer gesagt zu ihrem niedrigen Pol. Wer schnell in Rage kommt, kann durchaus eine unterdurchschnittliche Emotionalität haben.
  • Sentimentalität und Gefühlsbindung an Nahestehende sind umgekehrt aus der Verträglichkeit des Fünf-Faktoren-Modells in die Emotionalität gewandert.
  • Bleibt das Bedürfnis nach Rückhalt, also das Teilen von Sorgen mit dem Umfeld, das der Neurotizismus als eigene Komponente üblicherweise nicht erfasst.

Die praktische Folge ist größer, als es klingt. Emotionalität ist nach dieser Neuordnung keine „Neurotizismusskala“. Ihr hoher Pol geht mit Empathie, Mitgefühl und Fürsorgebereitschaft einher, und das hält niemand für einen Mangel. Ein Mensch mit hohem E erschrickt, bemerkt aber auch als Erster, dass es einem Kollegen schlecht geht. Beides hängt zusammen, weil beides aus derselben Empfindlichkeit für Gefahrensignale wächst.

Nehmen Sie Andreas. In Besprechungen bringt ihn der Kollege, der zu lang redet, verlässlich auf die Palme, und im Auto kommentiert er jeden, der ihm in die Spur zieht. Eine Fünf-Faktoren-Beschreibung würde ihm für diese Reizbarkeit einen höheren Neurotizismus zumessen. In der Sechs-Faktoren-Aufteilung fällt sein Aufbrausen dagegen unter geringe Verträglichkeit, während seine Emotionalität unterdurchschnittlich ausfällt: Horrorfilme im Kino genießt er, zum Zahnarzt geht er ohne Aufschieben, und seine Sorgen behält er für sich. Zwei verschiedene Dinge, die eine einzige Zahl zusammenklebt.

Wer sich fürchtet, der schützt

Ashton und Lee haben zu den sechs Faktoren auch eine evolutionäre Deutung angeboten. Ehrlichkeit und Verträglichkeit spiegeln ihnen zufolge den wechselseitigen Austausch zwischen nicht verwandten Menschen, während Emotionalität an den Verwandtenaltruismus gebunden ist, also an die Investition in das Überleben der eigenen Familie.

Dieser Gedanke hält Dinge zusammen, die sonst unpassend nebeneinander stehen. Wer körperliches Risiko meidet, lebt lange genug, um sich um den Nachwuchs zu kümmern. Angst wiederum bewacht Ressourcen und Gefahren im Voraus, bevor sie sich zeigen können. Und die Gefühlsbindung an Nahestehende erhält um einen Menschen herum ein Netz, auf das man sich in der Not verlassen kann. Angst um sich selbst und Fürsorge für andere sind zwei Seiten einer Münze: Sie können Ihre Kinder nicht schützen, wenn Sie vorher selbst umkommen.

Der andere Pol hatte dabei ebenso seinen Lohn. Geringere Emotionalität bedeutete die Bereitschaft, weiter draußen zu jagen, den Grat im Dunkeln zu überschreiten oder sich etwas entgegenzustellen, vor dem die anderen zurückwichen. Ein Teil dessen, was wir heute an Feuerwehrleuten und Chirurgen bewundern, ist ein direkter Nachkomme dieser Ausstattung. Die evolutionäre Lesart ist kein Beweis, eher eine Deutung, die gut zu der Art passt, wie sich die einzelnen Bereiche in den Daten gruppieren.

Hohe Emotionalität im Beruf und zu Hause

Im Team funktioniert ein Mensch mit hohem E wie ein Frühwarnsystem. Ein Risiko im Projekt spürt er, bevor es in einer Tabelle auftaucht, und in der Besprechung spricht er die Befürchtung aus, die die anderen bisher nur ahnen. Gleichzeitig ist er meistens derjenige, zu dem Kollegen kommen, wenn es ihnen privat nicht gut geht, weil man bei ihm über unangenehme Dinge reden kann, ohne verurteilt zu werden.

In Unternehmen wird diese Empfindlichkeit als Mangel an Belastbarkeit gelesen, und dieser Irrtum kostet Geld. Wer eine Befürchtung laut ausspricht, hält das Projekt nicht auf. Er benennt nur einen Monat früher, was ohnehin aufgetaucht wäre, nur teurer. Wo es um Sicherheit, Qualität oder die Arbeit mit Menschen geht, wirkt ein waches Alarmsystem wie ein Werkzeug. Schwierig wird es erst in dem Moment, in dem sich die Befürchtung immer gleich wiederholt und keine neue Information mehr trägt.

Die Rechnung wird an anderer Stelle bezahlt. Unangenehmes Feedback trifft härter und klingt länger nach, als es seinem Inhalt entspräche. Vor einer Entscheidung müssen Sie jemanden anrufen, und wenn dieser jemand nicht abnimmt, verschiebt sich die Entscheidung. Und der Kopf neigt dazu, die schlimmste Variante schon fertig zu rechnen, bevor die zweite Information eintrifft.

Wie viele der schlimmsten Szenarien, die Sie im letzten Jahr im Detail durchdacht haben, sind wirklich eingetreten? Die Antwort ist meist ernüchternd, und es lohnt sich, sie einmal an den Fingern abzuzählen, denn die Empfindlichkeit selbst ist nützlich, sie läuft nur gern leer.

In Beziehungen erzeugt hohe Emotionalität eine Tiefe, die der Partner in der Regel als Nähe empfindet. Das Risiko lauert darin, dass ein einziger Mensch zum einzigen Ventil wird. Wenn alle Sorgen bei derselben Person landen, beginnt das auf ihr zu lasten, so gern sie Sie auch hat. Diese Last auf mehrere Menschen zu verteilen ist keine Distanz, sondern Pflege der Beziehung.

Niedrige Emotionalität und ihr Preis

Das andere Ende der Skala sieht von außen wie Ruhe aus. Ein Krisentermin bringt Sie nicht aus dem Gleichgewicht, eine schlechte Nachricht setzt sich in Ihnen nicht fest, und eine Entscheidung können Sie treffen, ohne sie sich von drei Leuten bestätigen zu lassen. In einem Job, in dem es um Zeit und Nerven geht, ist so ein Mensch Gold wert.

Der blinde Fleck sitzt genau dort, wo man ihn erwarten würde. Ein Risiko, das sich in Ihnen nicht als unangenehmes Gefühl meldet, unterschätzen Sie leicht. Stefan aus dem Anfang schob die Hausratversicherung jahrelang auf und hielt die abgehakte Heizungswartung für unnötige Bürokratie, bis ihm einmal im Dezember Wasser von der Decke lief. Es ging nicht um Dummheit, sondern um ein fehlendes Signal. Was andere als Warnung lesen, kam ihm wie übertriebene Vorsicht vor.

Der zweite Preis wird zu Hause bezahlt. Ihre Sorge um Nahestehende existiert, nur sieht sie von außen niemand, weil sie sich nicht in Anrufen, Fragen oder sichtbarer Spannung äußert. Die Partnerin oder das Kind deuten das Schweigen als Desinteresse. Ein niedriges E bedeutet dabei keine geringere Ehrlichkeit und keine kleinere Bereitschaft, sich fair zu verhalten, diese Dinge tragen im Modell andere Buchstaben. Es bedeutet nur, dass fremder Kummer Sie nicht von selbst erreicht und dass Sie sich bewusst dafür melden müssen.

Am deutlichsten zeigt sich das bei der Führung von Menschen während einer Umstrukturierung. Eine Veränderung, die Ihnen wie eine logische Neuverteilung von Stellenanteilen erscheint, trifft ein Team, dessen Hälfte am Sonntagabend noch darüber nachdenkt. Niemand verlangt von Ihnen, sich mit ihnen zu fürchten. Es genügt, damit zu rechnen, dass die Leute einen Satz vom Freitagnachmittag zwei Tage lang auf ihre eigene Weise auslegen, und auch jenen Teil der Erklärung zu ergänzen, der Ihnen selbst selbstverständlich vorkommt.

Wie es weitergeht

Keines der beiden Enden der Skala ist eine Störung, die man reparieren könnte, und ehrlich gesagt hat es auch keinen Sinn, es zu versuchen. Vernünftiger ist es, zu wissen, in welche Richtung Ihre Einstellung abweicht, und sich danach ein paar Regeln zu bauen.

Ist Ihre Emotionalität hoch, dann trennen Sie die Fakten vom Film im eigenen Kopf. Schreiben Sie auf, was tatsächlich passiert ist, und daneben, was Sie sich dazu ausmalen. Der Abstand zwischen diesen beiden Spalten ist meist überraschend groß. Nützlich ist außerdem, im Vorhinein zu entscheiden, wen Sie zuerst anrufen und in welchen Angelegenheiten, damit das ganze Gewicht nicht bei einer Person landet.

Bei niedriger Emotionalität funktioniert der umgekehrte Trick: das fehlende innere Signal durch ein äußeres Verfahren ersetzen. Gehen Sie einmal im Quartal die Risiken durch, um die Sie sich sonst nicht kümmern würden, von der Datensicherung bis zu Wartungsterminen. Und fragen Sie in Beziehungen nach dem, was Sie von allein nicht registrieren würden, denn die Frage „wie war dein Tag wirklich“ kostet zehn Sekunden und ersetzt einen Instinkt, der bei Ihnen einfach nicht anspringt.

Wohin Sie auf dieser Skala gehören, lässt sich schwer schätzen, weil wir das eigene Spannungsniveau für den Normalzustand halten und ein Vergleich mit anderen von innen nicht funktioniert. Unser HEXACO-Test hat 60 Fragen, dauert etwa acht Minuten und gibt Ihnen ein orientierendes Bild von allen sechs Merkmalen, Emotionalität inbegriffen.

Bevor Sie etwas anpacken, probieren Sie eine Woche lang eine einfache Sache. Notieren Sie jeden Abend einen Moment, in dem Sie im Laufe des Tages Spannung gefühlt haben, und setzen Sie ein einziges Wort dazu: ging es um Sie oder um jemand anderen? Sehen Sie sich nach sieben Tagen das Verhältnis der beiden Spalten an und wie viele Einträge einen realen Grund hatten. Diese Liste sagt über Ihre Emotionalität mehr als jede Typbeschreibung, weil sie von Ihrer eigenen Woche geschrieben wurde.

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