In einer Besprechung fällt ein Vorschlag, den Lena für schlecht hält. Sie hat drei konkrete Einwände dagegen und einer davon wiegt ziemlich schwer. Als der Teamleiter sie nach ihrer Meinung fragt, hört er: "Für mich klingt das plausibel."
Auf dem Heimweg spielt Lena durch, was sie hätte sagen sollen. Am Abend redet sie zwanzig Minuten lang mit Michael darüber, und sie redet scharf. Ins Protokoll der Besprechung gelangt trotzdem kein einziges Wort von dem, was sie wirklich denkt.
Diese Lücke zwischen innerem Widerspruch und ausgesprochener Zustimmung hat einen Namen. People Pleasing ist nicht dasselbe wie Höflichkeit oder Rücksichtnahme. Es ist die erlernte Gewohnheit, die Zufriedenheit anderer vor den eigenen Standpunkt zu stellen, und zwar automatisch, noch bevor Sie überlegen können, ob das diesmal überhaupt sinnvoll ist.
Woran Sie People Pleasing im Alltag erkennen
Das verlässlichste Signal ist nicht der Inhalt der Antwort, sondern ihr Tempo. Die Zustimmung kommt früher, als Sie sich selbst fragen können, was Sie von der Sache halten. Zwischen der Frage und "klar, kein Problem" bleibt kein Platz für eine Entscheidung.
In Sätzen zeigt sich das ziemlich unauffällig. "Mir ist das egal" sagen Sie auch dann, wenn es Ihnen nicht egal ist. "Kein Problem" verwenden Sie als Universalpflaster für Dinge, die sehr wohl ein Problem sind. Eine Frage wie "wo willst du mittagessen" geben Sie zurück, weil es sicherer ist, die andere Person entscheiden zu lassen und sich dann anzupassen.
Ein paar weitere Anzeichen, die stärker zusammenhängen, als es aussieht:
- Sie entschuldigen sich für Dinge, die Sie nicht verursacht haben, inklusive Wetter und Zugverspätung
- Sie scannen den Raum laufend danach ab, wer verärgert ist und warum
- der zugesagte Gefallen ärgert Sie erst zu Hause, nie im Moment der Zusage
- Sie spielen Gespräche noch tagelang nach und erfinden bessere Fassungen Ihrer Sätze
- wenn jemand schweigt, gehen Sie automatisch davon aus, dass dieses Schweigen Ihnen gilt
Der Unterschied zwischen Freundlichkeit und Gefallenwollen lässt sich mit einer einzigen Frage benennen: Hatten Sie die Wahl? Freundlichkeit entsteht aus Überschuss und man tut sie gern. Gefallenwollen entsteht aus Anspannung und dient dazu, diese Anspannung loszuwerden. Von außen sieht beides gleich aus, innen sind es zwei völlig verschiedene Vorgänge.
Woher das Bedürfnis kommt, es allen recht zu machen
Kaum jemand hat sich dieses Muster ausgesucht. Meistens ist es dort entstanden, wo es tatsächlich funktioniert hat, und genau das macht es so zäh.
Michael wuchs in einem Haus auf, in dem nicht geschrien wurde. Dafür wurde geschwiegen. Wenn er etwas tat, was den Eltern nicht passte, kam weder Strafe noch Streit, nur ein paar Tage Kälte, in denen man mit ihm über das Wetter sprach und über nichts sonst. Eines lernte er daraus schnell: Aufmerksamkeit und Wärme lassen sich zurückholen, wenn man brav ist, leise und ohne Forderungen. Das nennt sich bedingte Anerkennung, und ein Kind nimmt daraus eine einfache Gleichung mit: Zuneigung wird für gezeigten Widerspruch entzogen.
Der Therapeut Pete Walker hat für diese Art zu reagieren den Begriff Fawn Response geprägt, also Beschwichtigen als Stressreaktion, die neben den bekannteren Mustern Kampf, Flucht und Erstarren steht. Die Logik ist dieselbe wie bei den anderen drei. Eine Bedrohung lässt sich auch dadurch bewältigen, dass Sie sofort zu jemandem werden, auf den niemand böse sein kann. Sie bieten Zustimmung an, Hilfe, eine Entschuldigung. Die Spannung um Sie herum fällt ab.
Wenn diese Strategie in der Kindheit zuverlässig gewirkt hat, speichert das Gehirn sie als erste Wahl und ruft sie im Erwachsenenalter auch dort ab, wo niemandem etwas droht. Der Teamleiter fragt nach einer Meinung, der Körper bewertet die Lage als Ablehnungsrisiko, der Mund gibt Zustimmung aus. Der vernünftige Teil holt Sie erst auf dem Parkplatz ein.
Auch schlichte Wiederholung spielt mit. Wer einmal den Ruf hat, immer entgegenzukommen, bekommt mit der Zeit mehr Bitten als andere. Das Umfeld gewöhnt sich an die Rolle und fängt an, sie einzufordern, was das Muster weiter verstärkt. Sie selbst sehen sich dann vor allem als denjenigen, der hilft, und die Vorstellung, es einmal nicht zu tun, berührt die eigene Identität und nicht nur eine einzelne Bitte.
Was es kostet, wenn Sie nicht Nein sagen
Der Satz "ich kann nicht Nein sagen" beschreibt die Lage ungenau. Ablehnen können Sie durchaus, dieses Wort benutzen Sie ganz normal bei Menschen, bei denen Ihnen kein Verlust an Zuneigung droht. Was fehlt, ist die Bereitschaft auszuhalten, was nach der Absage kommt, nämlich ein paar Minuten fremder Unzufriedenheit. Es geht also nicht um eine fehlende Fähigkeit, sondern um Vermeidung eines bestimmten Gefühls, und dieser Unterschied hat praktische Folgen. Eine Fähigkeit kann man nachlernen, Vermeidung baut sich nur dadurch ab, dass man sich ihr aussetzt.
Der Preis wird nicht auf einmal fällig. Er kommt in drei langsamen Raten, und keine davon sieht am Tag ihrer Entstehung dramatisch aus.
Die erste ist Groll, also eine stille Bitterkeit gegenüber Menschen, die von nichts wissen. Innen führen Sie Buch: wie oft Sie nachgegeben haben, wie oft Sie länger geblieben sind, wie oft Sie Ihre Pläne geändert haben. Die Gegenseite hat diese Rechnung nie gesehen und konnte sie deshalb auch nicht begleichen. Wenn sie eines Tages aufplatzt, fällt sie unverhältnismäßig groß aus, weil darin keine Wochen stecken, sondern Jahre. Der Partner hört eine Explosion wegen der Spülmaschine und ahnt nicht, dass das eine Rate für etwas ganz anderes ist.
Die zweite Rate ist Erschöpfung. Die Soziologin Arlie Hochschild hat den Begriff der Emotionsarbeit beschrieben, also den Aufwand, Gefühle zu zeigen, die in einer bestimmten Rolle von Ihnen erwartet werden. Die Forschung zu diesem Thema findet immer wieder einen Zusammenhang zwischen dem dauerhaften Spielen einer nach außen freundlichen Rolle und Burnout-Symptomen. Es geht nicht um harte Arbeit, sondern um die Kluft zwischen dem, was Sie fühlen, und dem, was Sie zeigen. Diese Kluft acht Stunden am Tag zu halten, ermüdet anders als die Aufgaben selbst.
Die dritte ist die leiseste. Beziehungen, in denen niemand je Ihren Widerspruch gehört hat, sind Beziehungen mit Ihrer bearbeiteten Fassung. Die Menschen um Sie herum mögen Sie, sie können nur nicht sicher sein, wen sie eigentlich kennen. Sie wissen das und fühlen sich paradoxerweise einsam inmitten von Leuten, die Sie mögen.
Und dann gibt es eine Folge, die vielen ungerecht vorkommt: Je seltener Sie widersprechen, desto weniger glaubt man Ihnen. Zustimmung, die immer kommt, trägt irgendwann keine Information mehr. Lob von jemandem, der alles lobt, bedeutet nichts. Für eine ehrliche Einschätzung wenden sich Kolleginnen und Kollegen an jemanden, der gelegentlich sagt "das wird meiner Meinung nach nichts", weil sein "das wird was" dann Gewicht hat. Das Entgegenkommen, das Beziehungen absichern sollte, verbilligt Ihr Wort.
Wann haben Sie zuletzt jemandem gesagt, dass Sie anderer Meinung sind, ohne eine Entschuldigung oder eine Begründung dafür anzuhängen, warum Sie das sagen?
Nachgeben als einer von fünf Konfliktstilen
Nachgeben hat in der Konfliktpsychologie seinen Platz, und das ist keine Ecke der Schande. Das sogenannte Dual-Concern-Modell, dessen Grundlage Blake und Mouton gelegt und das Pruitt und Rubin weiterentwickelt haben, beschreibt Verhalten im Konflikt über zwei unabhängige Dimensionen. Die erste ist Durchsetzungsstärke, also das Maß, in dem Sie das eigene Anliegen verfolgen. Die zweite ist Kooperationsbereitschaft, also das Maß, in dem Sie das Anliegen der Gegenseite berücksichtigen.
Aus der Kombination beider entstehen fünf Stile: Durchsetzen, Zusammenarbeiten, Kompromiss, Vermeiden und Nachgeben. Nachgeben sitzt in der Ecke mit niedriger Durchsetzungsstärke und hoher Kooperationsbereitschaft. Es ist der Stil, in dem Sie Ihr Anliegen zurückstellen, damit die andere Seite bekommt, was sie braucht. Die einzelnen Konfliktstile nehmen wir in einem eigenen Ratgeber genauer auseinander.
Entscheidend ist, dass dieser Stil legitime Anwendungen hat, und zwar ziemlich viele. Eine Beziehung zu erhalten ist ein echtes Anliegen und keine Schwäche. Wenn der anderen Person die Sache erkennbar wichtiger ist als Ihnen, ist Nachgeben eine vernünftige Investition. Wenn Sie im Unrecht sind, ist Nachgeben Redlichkeit. Und wenn das Thema klein und die Beziehung lang ist, ist Nachgeben schlicht billig.
| Nachgeben ergibt Sinn, wenn | Nachgeben ist nur Programm, wenn |
|---|---|
| Der Gegenseite die Sache nachweislich wichtiger ist | Sie auch dort nachgeben, wo es wehtut |
| Sie merken, dass Sie sich geirrt haben | Sie zustimmen, bevor Sie wissen, wozu |
| Sie bewusst die Beziehung vor das Thema stellen | Ihnen nicht einfällt, wann Sie zuletzt Ihr Anliegen durchgesetzt haben |
| Es um eine einmalige Kleinigkeit geht | Sie vorbeugend nachgeben, bevor überhaupt jemand fragt |
Die letzte Zeile verdient Aufmerksamkeit. Vorbeugendes Nachgeben heißt, dass der Konflikt gar nicht erst entsteht, weil Sie Ihren Wunsch zurückziehen, bevor ihn jemand hört. Von außen wirkt das wie Harmonie und wird gut bewertet. Innen ist es eine einseitige Verhandlung, in der eine Seite nie die Gelegenheit bekommen hat zu erfahren, worum es geht.
Der überwiegende Stil ist außerdem kein Etikett, das man für immer trägt. Die meisten Menschen haben einen Stil, zu dem sie unter Druck zurückkehren, und einen zweiten, auf den sie in einem bestimmten Umfeld umschalten. Zu Hause geben Sie nach, im Job setzen Sie sich durch. Bei manchen läuft es genau umgekehrt. Sinnvoll ist deshalb die Frage, wo genau Ihr Nachgeben anspringt und was es auslöst, nicht die Frage, ob Sie "eben so ein Mensch sind".
Mikroschritte, mit denen sich das ändern lässt
Der Sprung von der automatischen Zustimmung zur klaren Absage geht meistens schief, weil danach eine Welle von Schuldgefühlen kommt und mit ihr der Rückfall. Besser wirken kleine Schritte bei Dingen, bei denen nichts auf dem Spiel steht.
Sprechen Sie Vorlieben bei Kleinigkeiten aus. Wohin zum Mittagessen, welcher Film, ans Fenster oder in die Ecke. Das hat nichts mit Mut zu tun, es trainiert einen ganz bestimmten Muskel: laut zu sagen, was Sie wollen, wenn es niemand hören muss. Sie werden merken, dass Ihnen dieser Satz nicht einmal beim Kaffee über die Lippen geht, und das allein ist eine brauchbare Information.
Der zweite Schritt ist die aufgeschobene Antwort. Ein Satz wie "ich sage dir morgen Bescheid" oder "gib mir eine Stunde, ich schaue in den Kalender" tut nichts anderes, als den Reflex zu trennen. Er schiebt zwischen Bitte und Antwort Zeit, in der auch der Teil von Ihnen zu Wort kommt, der eine Meinung hat. Die meisten Bitten überstehen eine Stunde Aufschub problemlos, und falls nicht, sagt Ihnen das genug über die Bitte.
Der dritte Schritt ist der unangenehmste und zugleich der entscheidende. Sie müssen ausprobieren, dass fremde Enttäuschung auszuhalten ist. Sie sagen ab, der andere ist eine Weile enttäuscht, und Sie haben den Drang, das sofort zu reparieren. Reparieren Sie es nicht. Halten Sie diese eine Stunde durch und schauen Sie, was passiert. Meistens passiert nichts, und die Erkenntnis, dass eine Beziehung eine Absage trägt, wiegt mehr als jedes Zureden von außen. Ausführlicher haben wir das Absagen selbst im Text über das Nein sagen lernen beschrieben, den systematischeren Blick finden Sie im Ratgeber zum Grenzen setzen.
Rechnen Sie auch damit, dass das Umfeld reagiert. Menschen, die sich an Ihr automatisches Ja gewöhnt haben, deuten die ersten neuen Antworten als Abkühlung. Ein Teil von ihnen nimmt es nach ein paar Wochen an, und der Umgang mit Ihnen wird für sie berechenbarer, weil sie zum ersten Mal wissen, woran sie sind. Andere drücken nach. Wer zu welcher Gruppe gehört, erfahren Sie nur auf diesem Weg.
Hilfreich ist außerdem, nicht jede Situation als Wahl zwischen Zustimmung und Absage zu behandeln. Zwischen "klar" und "nein" liegen Sätze wie "beim ersten Punkt bin ich dabei, beim zweiten habe ich einen Einwand" oder "ich mache das, aber erst am Freitag". Der Konflikt wird dadurch nicht größer, es kommt endlich nur auch Ihre Seite darin vor.
Wenn Sie wissen wollen, wie stark das Nachgeben bei Ihnen gegenüber den anderen Stilen überwiegt, gibt es dafür einen strukturierteren Weg als die eigene Schätzung. Unser Konfliktstil-Test hat 30 Fragen und dauert rund vier Minuten. Das Ergebnis sind ein primärer und ein sekundärer Stil sowie Ihre Position auf einer Karte mit zwei Dimensionen, Durchsetzungsstärke und Kooperationsbereitschaft.
Lena sagte in der nächsten Besprechung nichts Heldenhaftes. Sie sagte: "Ich habe da einen Einwand, darf ich versuchen, ihn zu beschreiben?" Der Teamleiter nickte, sie beschrieb ihn, und die Diskussion dauerte sechs Minuten länger als sonst. Am meisten überraschte sie, dass sich am nächsten Tag niemand daran erinnerte.

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