Jonas sagt in Besprechungen fast nichts. Wenn aber seit einer Viertelstunde im Kreis diskutiert wird, wer die Aufgabe eigentlich übernimmt, lässt er einen Satz fallen und der ganze Tisch lacht. Gebraucht hat er dafür knapp eine Sekunde, und in dieser Sekunde liefen mehr Denkschritte ab, als irgendjemand am Tisch bewusst beschreiben könnte.
Wegen dieser Geschwindigkeit ist der Humor ins Blickfeld derer geraten, die Intelligenz erforschen. Ein Witz ist nämlich nicht bloß gesellschaftliches Gewürz. Er ist eine Aufgabe mit Zeitlimit, die Sie lösen müssen, bevor das Gespräch woanders hinwandert.
Eine halbe Sekunde zwischen Bruch und Pointe
Ein guter Witz arbeitet in zwei Schritten. Zuerst baut er in Ihnen eine Erwartung auf, wie der Satz enden wird, und dann zerlegt er sie mit etwas, das dort nicht hingehört. Diesen ersten Schritt nennt man Inkongruenz, und für sich allein reicht er zum Lachen nicht aus, sonst würde uns jeder Tippfehler in einer Mail erheitern.
Das Lachen kommt erst im zweiten Schritt. Das Gehirn muss eine andere Lesart der Situation finden, in der der unpassende Teil plötzlich sitzt, und in dem Moment, in dem es sie findet, bekommt es eine Belohnung. Es ist dasselbe Klicken wie bei einem Rätsel oder einer Geheimschrift, nur in einen einzigen Satz verpackt und in Sekundenbruchteilen erledigt.
Der Satz von Jonas lautete: "Termine haben wir schon drei, wir können ja den Durchschnitt nehmen." Die ersten Worte versprechen eine gewöhnliche Organisationsbemerkung. Die letzten drei machen aus den Terminen Zahlen in einer Tabelle, und erst in dieser zweiten Lesart kommt heraus, was das Team von seinen eigenen Terminen wirklich hält.
Zeit für diese Lösung haben Sie dabei lächerlich wenig. Das Gespräch zieht nach ein paar Sekunden weiter und nimmt den ganzen Kontext mit, auf dem die Pointe steht. Derselbe Satz zehn Sekunden später ist kein Witz mehr, sondern eine Anmerkung, und man merkt es meist daran, wie höflich die Runde lächelt.
Daraus folgt eine unangenehme Eigenschaft des Humors: Ein erklärter Witz hört auf, witzig zu sein. Wenn Ihnen jemand die zweite Lesart serviert, hat er die Arbeit für Sie erledigt und die Belohnung fürs Lösen bleibt aus. Unterhaltsam ist dann höchstens noch, wie er beim Erklären ins Schwitzen gerät.
Was Greengross und Miller gefunden haben
Im Jahr 2011 legten Gil Greengross und Geoffrey Miller rund vierhundert Studierenden zwei Arten von Aufgaben vor. Die einen waren übliche Tests der Denkfähigkeit, die anderen Aufträge wie "erfinden Sie eine Bildunterschrift dazu" oder "beantworten Sie diese Frage so witzig wie möglich". Die Antworten bewerteten anschließend unabhängige Beurteiler, die nicht wussten, wer in den Tests wie abgeschnitten hatte.
Wer die witzigeren Antworten produzierte, hatte im Schnitt höhere Werte in der allgemeinen Intelligenz, und noch enger passte es bei der sprachlichen. Ein Zusammenhang zwischen Witz und Denkfähigkeit existiert also, und er ist nicht klein.
Dass es ausgerechnet beim sprachlichen Anteil am engsten passte, ergibt Sinn. Wörter tragen mehrere Bedeutungen zugleich, und wer sie schnell dreht, hat Material für die zweite Lesart. Der Großteil einer Pointe spielt sich dort ab, wo zwei weit entfernte Bedeutungen unerwartet aufeinandertreffen, und das Suchen entfernter Verbindungen ist genau das, was sprachliche Aufgaben prüfen.
Eine Sache an dieser Anlage ist allerdings bedenkenswert. Darüber, was witzig ist, entschied kein objektiver Schlüssel, sondern Menschen, die die Antworten lasen. Gemessen wurde damit auch die Fähigkeit, den Geschmack einer zufälligen Gruppe Fremder zu treffen, und das ist ein Können für sich.
Und nun der Teil, der in der populären Wiedergabe meist verloren geht. Es ging um eine Korrelation, nicht um ein Gleichheitszeichen. Unter diesen Studierenden gab es Menschen mit hervorragenden Testwerten und miserablen Bildunterschriften ebenso wie Menschen mit durchschnittlichen Werten und Antworten, die die Jury umwarfen. Witz und Denkfähigkeit überschneiden sich, sie fallen nicht zusammen.
Die Autoren zogen daraus noch einen Schluss, wegen dem die Studie bis heute zitiert wird. Eine gute Pointe auf Zuruf lässt sich weder pauken noch vortäuschen, also kann Witz als ehrliches Signal dafür dienen, wie schnell jemand denkt. Ein Signal, das Sie zudem sofort und ohne Lebenslauf ablesen.
Schwarzer Humor: dieselbe Aufgabe eine Stufe schwerer
Wenn die Pointe ein Rätsel ist, dann ist schwarzer Humor ein Rätsel mit erhöhtem Schwierigkeitsgrad. Zur Inkongruenz kommt ein Thema, das im normalen Gespräch brennt: Tod, Krankheit, Unglück. Der Zuhörer muss zwei Dinge gleichzeitig halten, nämlich dass es ein Witz ist und zugleich etwas Ernstes, und dabei weder in Abscheu noch in Gleichgültigkeit abrutschen.
Viele Menschen erstarren genau bei dieser Kombination und lachen nicht. Nicht, weil sie die Pointe nicht verstünden, sondern weil sie ihnen unangebracht vorkommt, und dieses Gefühl gewinnt gegen die Lust, das Rätsel zu Ende zu lösen. Damit wird schwarzer Humor zu einer ungewöhnlich empfindlichen Probe: Bestehen kann sie nur, wer beides zusammenhält.
Willinger und Kollegen legten den Teilnehmenden 2017 eine Reihe schwarzer Cartoons vor und fragten, wie gut sie diese verstehen und wie sehr sie ihnen gefallen. Wer in beidem hoch lag, schnitt in Intelligenztests besser ab und wies zugleich ein geringeres Maß an Aggressivität auf. Nicht ein höheres. Ein geringeres.
Es lohnt sich, das Thema von der Zielrichtung zu trennen. Schwarzer Humor beschreibt, worum es in einem Witz geht; ein scharfer Humorstil beschreibt, auf wessen Kosten er geht. In einem Satz können sie sich treffen, aber sie sind nicht zwei Namen für dieselbe Sache, wie der Text über schwarzen Humor ausführlicher darlegt.
Warum es umgekehrt nicht gilt
Sabine liest drei Bücher im Monat, und in der Arbeit kennt man sie als jemanden, der die Folgen früher zu Ende denkt als die anderen. Am Tisch mit Freunden zünden ihre Witze aber nicht. Entweder kommen sie drei Sekunden zu spät, oder sie verdirbt sie sich selbst vorher mit dem Satz "das ist wahrscheinlich Quatsch, aber...".
Ihr fehlen dabei drei Dinge, die mit der Denkfähigkeit fast nichts zu tun haben. Das erste ist die Menge. Witzige Sätze entstehen in Massen und die meisten davon sind schwach; wer sie nie ausspricht, hat nichts zum Auswählen und erfährt auch nicht, welcher davon funktioniert hat und warum.
Das zweite ist der Mut. Eine Pointe ist eine öffentliche Wette, und die Stille nach einem misslungenen Witz dauert gefühlt weit länger als in Wirklichkeit. Wer dieses Risiko nicht eingehen will, hat den Spruch zwar im Kopf, schluckt ihn aber herunter, und das Umfeld kennt ihn danach als jemanden, der keine Witze macht.
Dazu kommt etwas, das den Humor von den meisten anderen Denkleistungen unterscheidet. Eine Gleichung lösen Sie allein am Schreibtisch und wissen, dass sie stimmt, auch wenn niemand zusieht. Beim Witz vergibt die Note das Publikum, sofort und laut, und an diesem Urteil ändern Sie nichts. Ein schneller Kopf stellt also das Halbfabrikat her, zum fertigen Produkt macht es erst die Reaktion der anderen.
Und dann ist da noch das Gespür für den Raum. Derselbe Satz bringt den Abend mit alten Freunden in Fahrt und bleibt beim Mittagessen mit einem neuen Kunden in der Luft hängen. Diesen Teil rettet auch der schnellste Kopf nicht, denn er beruht nicht auf Tempo, sondern auf Aufmerksamkeit für andere. Dass sich das genauso üben lässt wie Menge und Mut, behandelt der Text darüber, wie man Humor lernen kann.
Der Witz als schnelles Denken laut ausgesprochen
Zerlegt man einen gelungenen Spruch in seine Bestandteile, kommt eine Liste von Fähigkeiten heraus, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben. Einen Teil davon erfassen Tests der Denkfähigkeit recht gut, einen anderen überhaupt nicht.
| Was ein Witz verlangt | Was dahintersteckt | Wie weit Tests das messen |
|---|---|---|
| Den Bruch bemerken | Erkennen, dass etwas aus der Regel fällt | Stark, das liegt nahe an Aufgaben zum Mustererkennen |
| Die zweite Lesart finden | Beweglichkeit in Wörtern und Wechsel der Perspektive | Stark, vor allem im sprachlichen Teil |
| Beide Lesarten zugleich halten | Arbeitsgedächtnis, also wie viel Sie gleichzeitig im Kopf tragen | Teilweise, es wirkt in die meisten Aufgaben hinein |
| Einschätzen, wem Sie das sagen | Stimmung und Lage in der Gruppe lesen | Fast gar nicht |
| Den Moment treffen | Timing: wann zu reden anfangen und wann schweigen | Gar nicht |
| Die Stille riskieren | Bereitschaft, sich vor anderen der Blamage auszusetzen | Gar nicht |
Der obere Teil der Tabelle erklärt, warum bei Greengross und Miller der Zusammenhang herauskam. Der untere erklärt, warum er nicht stärker ausfiel.
Besonders lohnt der Halt beim Arbeitsgedächtnis. Damit die Pointe sitzt, müssen Sie beide Fassungen des Satzes einen Moment lang gleichzeitig im Kopf halten, die erwartete und die andere. Wer müde oder verärgert ist, hat diese Kapazität nicht frei, und deshalb funktioniert Humor bei Menschen im Streit und nach einer durchwachten Nacht weder als Produktion noch als Aufnahme.
Und nun ehrlich: Wann hatten Sie zuletzt eine fertige Pointe im Kopf und haben sie nicht gesagt? Was hat Sie aufgehalten? Ob es daran lag, dass sie nicht gut genug war, oder daran, dass Sie sich der Leute um Sie herum nicht sicher waren, verrät recht ordentlich, welcher Anteil bei Ihnen hinterherhinkt.
Signal, kein Diplom
Witz lässt sich als Signal lesen. Wer regelmäßig die Pointe trifft, zeigt nebenbei, dass es bei ihm schnell zündet, dass er mehrere Lesarten einer Situation hält und dass ihm nicht entgeht, was im Raum passiert. Das ist eine Information, kein Zertifikat: Es sagt etwas über Wahrscheinlichkeiten, nicht über den konkreten Menschen vor Ihnen.
Die umgekehrte Richtung ist tückischer und gehört klar ausgesprochen. Fehlender Witz ist kein Zeichen von Dummheit. Viele Leute sind nur schriftlich witzig, in kurzen Nachrichten, wo sie auf die zweite Lesart warten können. Andere sind in ihrem Fachgebiet zum Brüllen komisch, weil die Pointe auf Dingen ruht, die eine Handvoll Menschen versteht, und in der Kneipe bleibt davon nichts übrig.
Am deutlichsten sieht man es an einer fremden Sprache. Wer in ein anderes Land zieht, verliert seinen Humor als Erstes und bekommt ihn als Letztes zurück, denn die Pointe steht auf Schattierungen von Wörtern und auf dem, was dort jeder kennt. Ein oder zwei Jahre lang wirkt er dann wie ein ernster Mensch ohne Funken, obwohl sich im Kopf nichts verändert hat. Verändert hat sich nur das verfügbare Register.
Zum Dritten gibt es den Unterschied zwischen Machen und Würdigen. Manch einer erzählt kaum Witze, lacht aber als Erster und am herzlichsten im ganzen Raum, weil er die zweite Lesart früher findet als die anderen. Von außen wirkt er humorlos. In Wahrheit löst er dieselbe Aufgabe, er gibt sie nur nicht laut ab.
In welche Lage Ihr Scherzen üblicherweise fällt, beschreiben vier Stile, die sich in Ton und Zielrichtung unterscheiden: Den Überblick finden Sie im Text über Humorstile, eine orientierende Einordnung liefert der kurze Test der Humorstile. Beides sagt nichts darüber, wie klug Sie sind. Es sagt etwas über eine Gewohnheit, die Sie über die Jahre gezüchtet haben, und Gewohnheiten lassen sich nachjustieren.
Versuchen Sie beim nächsten gemeinsamen Tisch, eines zu bemerken. Nicht, wer am meisten redet, sondern wer eine halbe Sekunde vor den anderen zu lachen beginnt. Dieser Mensch hat meistens nicht auf die Pointe gewartet, er ist selbst darauf gekommen.

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